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Warum Israel

Filmvorführung im Autonomen Zentrum Wuppertal 15. Januar 2010 um 19:00 Uhr

Material zur Debatte…

Interview mit Claude Lanzmann aus dem Freitag

Spielt nie mehr die Herren

Fast möche man von einer Provinzposse sprechen, wenn man an die ebenso kindische wie gewaltsame „antizionistische“ Aktion denkt, mit der die linksradikale Gruppierung B5 am 25. Oktober eine Vorführung des Films Warum Israel des französischen Regisseurs Claude Lanzmann (Shoah) verhinderte. Erfolg hatten sie damit auf lange Sicht nicht: Diesen Sonntag holt das B-Movie die Vorführung von Warum Israel nach.

Der Freitag: Monsieur Lanzmann, waren Sie überrascht, als Sie von den Vorfällen, die am 25. Oktober stattgefunden haben, erfuhren?

Claude Lanzmann: Ja. Mehr noch: Ich war schockiert.

Haben Sie so es schon einmal erlebt, dass die Vorführung eines Films von Ihnen auf eine solche Weise gestört wurde?

Nein. Weltweit ist es nicht ein einziges Mal passiert, und in Deutschland schon gar nicht. Es hat einmal einen Vorfall gegeben, als mein Film Tsahal zum ersten Mal in Frankreich aufgeführt wurde. Da gab es eine Tränengas-Attacke auf das Kino. Acht Tage lang konnte man das Kino nicht betreten. Aber dort wurden keine Besucher beschimpft. Von daher fällt Hamburg unter eine andere Kategorie, als dass der Vorfall und die „Schweinejuden“- Rufe eine Eskalation darstellen. Viel schlimmer aber ist, dass lange Zeit keine deutsche

Zeitung darüber berichtete. Das war für mich der noch viel größere Skandal. Schließlich ist ein solcher Vorfall doch im wahrsten Sinne des Wortes etwas, über das berichtet werden muss!

Darum sprechen wir mit Ihnen.

Es war schon geschmacklos, das Kino zu verbarrikadieren mit der Nachbildung eines israelischen Checkpoints und dort mit Nachbildungen von Maschinenpistolen zu patroullieren. Noch geschmackloser war es, die Kinobesucher zu filmen und zu fotografieren. Endgültig wurde die Grenze überschritten, als sie mit antisemitischen Parolen beleidigt wurden und man ihnen gegenüber tätlich wurde. Wurden sie nicht auch als „Schwuchteln“ beschimpft?

So wird es übereinstimmend berichtet. Das Wort „Nazischweine“ fiel wohl ebenfalls.

Wenn am Sonntag, dem 13. Dezember, der erneute Versuch unternommen wird, den Film zu zeigen, wird die Aufführung dieses Mal unter Polizeischutz stattfinden?

Die Veranstalter gehen offenbar davon aus, dass die öffentliche Teilnahme so massiv ausfallen wird, dass ein Polizeischutz nicht vonnöten sein wird.

Was mich irritiert, ist folgendes: Der Vorfall war so ernst, wie er gefährlich war. An der Boykottaktion hatte sich auch eine Tierschutzgruppe beteiligt, die sich gegen die Tötung von Versuchstieren positioniert. Besucher des Films wurden von angeblichen Linken als „Schweinejuden“ und „Nazis“ beschimpft – es ist ebenso grotesk wie absurd! Mich aber beunruhigt die Reaktion der Medien. Es darf nicht passieren, dass sich die Deutschen wieder wie Aristokraten aufspielen und naserümpfend sagen: Die sind nicht von uns, das sind linksextremistische Spinner, die verfügen über keinerlei politische Hausmacht. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Nichts ist unwichtig. Auch Hitler ist man damals mit einer solchen aristokratischen Hochnäsigkeit begegnet. Dabei liegt die Sache auf der Hand: Auf eine solche Attacke muss reagiert werden. Und das passierte nicht.

Sind Sie überrascht, dass die Attacke aus der extremen Linken kam und nicht von Neonazis?

Nein, überhaupt nicht. Auch die Baader-Meinhof-Gruppe hat im Zuge der Entführung der Landshut nach Juden und Nichtjuden getrennt. Bereits die RAF war linksextrem und pro-palästinensisch, und ihre Kommandos benahmen sich wie Nazis. Und auch heute wieder lautet eine der Parolen im linksextremen Spektrum, dass die Israelis die neuen Killer wären, ‚die neuen Nazis‘. Leichter kann man sich nicht Pseudoargumente zusammensuchen, um die eigene antisemitische Sichtweise zu verlautbaren. Aber dabei wird immer übersehen, dass diese Parolen schlicht und einfach nicht stimmen. Niemand stellt in Abrede, dass Israel mit extremer Gewalt im letzten Gaza-Feldzug vorgegangen ist. Aber das macht die Israelis noch lange nicht zu den neuen Nazis. Das ist zu einfach. Für mich wird deutlich, dass diese Denke, die sich antizionistisch gibt, im Kern eine antisemitische ist.

Genau dies bestreiten die Antizionisten natürlich.

Der ägyptische Kulturminister Farouk Hosni, der sich für das Amt des UNESCO-Generaldirektors beworben hatte und bereits als durchgewunken galt, musste schließlich seinen Hut nehmen, nachdem Bernard-Henri Lévy, Elie Wiesel und ich aufgrund seiner antisemitischen Äußerungen in der Zeitung Le Monde gegen ihn Stellung bezogen hatten. Der Mann war untragbar: Er behauptete, Juden seien Diebe und hätten nie etwas zur Kultur der Menschheit beigetragen, und er solidarisierte sich mit jenen, die in Ägypten vorschlagen, jüdische Bücher aus der Bibliothek von Alexandria zu entfernen und öffentlich zu verbrennen. Auch Hosni sagte stets, er sei Antizionist, aber kein Antisemit. Jetzt hat die Bulgarin Irina Bokowa den Posten. Positionen wie die Hosnis können nicht akzeptiert werden.

In Hamburg argumentierten die Blockierer des B-Movie-Kinos, dass man nur den Palästinensern zu Gerechtigkeit verhelfen wolle.

Jean-Luc Godard erzählt derzeit verantwortungslos dasselbe, wenn er, in Le Monde vom 11. November 2009, behauptet, dass die „palästinensischen Selbstmordattentäter in Israel ihre Anschläge begehen, um einen Staat zu gründen, nichts anderes tun, als die sechs Millionen Juden, die in den Gaskammern vergast wurden – um ebenfalls mit ihrem Opfergang einen Staat zu gründen.“ Godard hat dies wortwörtlich gesagt. Es ist geradezu obszön.

Godard sagt heute, er sei falsch zitiert worden.

Godard hat offenbar ein riesengroßes Problem mit mir, und zwar, seit 1985 Shoah erschienen ist. Im französischen Fernsehen, in einer Diskussion mit Marguerite Duras, sprach er Shoah ab, ‚irgendetwas zu zeigen‘, weil die Beweisbilder fehlten, woraufhin Duras ihm entgegnete, dass mein Film ‚alles‘ zeigen würde. Auch ich sage: Was ist das Filmbild gegen eine Tatsache? Godard glaubt an das Filmbild, ich an die historische Tatsache. Nach allem, was ich über ihn weiß, kann ich ihn nur für einen Antisemiten halten. Er wollte einen Film mit mir drehen, ich habe die Briefe nicht gezählt, die er mir schickte.

Kommen wir zu den Filmen, die Sie gedreht haben: Warum sollte man in Deutschland Ihren Film Warum Israel ansehen?

Die Frage sollten Sie vielleicht den Freunden der Deutschen Kinemathek stellen, die Pourquoi Israël in ihre Sammlung aufgenommen haben. Aber wenn ich sie beantworte, dann kann ich nur sagen: Weil es ein schöner Film ist. Weil er zwar Vielen bekannt ist, aber noch nicht Millionen. In meinen Augen ist Warum Israel ein Film, der seit seinem Erscheinungsjahr 1973 keine Patina angesetzt hat, der nicht gealtert ist. Weil es sich eben nicht um einen Propagandafilm handelt, sondern um ein Werk.

Warum, glauben Sie, hat Ihr Film keine Patina angesetzt?

Weil ich nichts tue, was Patina ansetzt. Kein Film von mir ist seit seiner Veröffentlichung gealtert. Man kann sich Shoah oder Warum Israel heute mit der gleichen Überraschung anschauen wie vor zwanzig oder dreißig Jahren.

Aber heute beschweren sich Leute darüber, dass in Warum Israel keine Araber zu Wort kommen.

Zunächst einmal stimmt das nicht. Es kommen Araber zu Wort. Zweitens, und viel wichtiger, ist es nicht meine Aufgabe, einen Film über die Sache und das Leid der Araber zu drehen. Das müssen die Araber, die Palästinenser selbst tun. Niemand hält sie davon ab.

Denken Sie, ein solcher Film aus arabischer Perspektive sollte ähnlich wie Shoah oder Warum Israel auf Interviews und der direkten Rede ausgewählter Protagonisten basieren?

Sie sollten es tun und lassen, wie sie es für richtig halten. Dass in Warum Israel kaum Araber zu Wort kommen, hat seine Gründe, und die liegen in der Aufrichtigkeit.

Was meinen Sie genau mit Aufrichtigkeit?

Damit meine ich: Ich bin Jude, ich kann nicht für die Araber und nicht für die Palästinenser sprechen. Ich spreche in meinem Film über das Erstaunen, das eintritt, wenn man realisiert, dass jeder in diesem Land jüdisch ist. Das ist die Aussage meines Films, und zugleich ist es die Frage, die ich mir seinerzeit selbst gestellt habe: Was ist Normalität, was ist Abnormalität? Die Normalität, dass es einen Staat Israel gibt, ist zur gleichen Zeit eine Abnormalität an sich. Mein Film behandelt eine ganz nachvollziehbare Frage. Umso abstoßender ist es, dass eine Aufführung dieser filmischen Studie über eine erzwungene Staatsgründung gerade in Deutschland verhindert wurde. Dass die Aufführung von Warum Israel in Hamburg verhindert wurde, ist für mich ein Ausdruck von Zensur. Die Deutschen, ob linksradikal oder nicht, haben sich wie Herren aufgespielt. Diese Rolle dürfen sie nie wieder spielen

Das Gespräch führten Max Dax und Sebastian Hammelehle
Hintergrund

Claude Lanzmann und sein Debutfilm

In dem 1972 gedrehten Warum Israel setzt sich Claude Lanzmann mit der Frage auseinander, ob es so etwas wie eine jüdische Normalität in einem jüdischen Staat geben kann, oder ob nicht die Anormalität eines jüdischen Staates jedes normale Leben ad absurdum führt, so legitim der Wunsch nach Normalität auch sein mag. Der 1925 geborene Lanzmann bezeichnet sich als assimilierter, das europäische Leben gewohnter Jude, dem Religion und Tradition weitgehend fremd gewesen seien. Erst der Antisemitismus habe ihn zum Juden gemacht, nicht sein Jüdischsein. Im Zweiten Weltkrieg schloss sich Lanzmann der Résistance an, überlebte den Krieg und entging im Untergrund der Deportation. Nach Kriegsende studierte er Philosophie in Berlin und begann gemeinsam mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, mit der er eine lange Liebesbeziehung hatte, in Paris die linke Zeitschrift Les temps modernes zu veröffentlichen, deren Herausgeber er heute ist. Warum Israel sei, nachdem er ein Buch über das gleiche Thema erfolglos zu schreiben begonnen hatte, sein Versuch gewesen, als dem Judentum entfremdeter Europäer den Staat Israel zu begreifen, der als Fluchtort für alle Juden gelten soll, gleichzeitig als Staat mit ‚normalen‘ politischen, sozialen und wirtschaftlichen Problemen konfrontiert ist. Das Problem Israels sei, dass der Staat zwar über ein Territorium verfüge, aber weder über die Religion, noch über die identitätsstiftende Erfahrung von Auschwitz sein Fortbestehen sichern kann. Lanzmann inszeniert in seinem Film Mehrstimmigkeit, indem er viele Einwohner unterschiedlichster Berufe zu Wort kommen lässt, er bildet die Heterogenität dessen ab, was Leben in Israel Anfang der Siebziger bedeutete. Es gelingt ihm, dass die Dissonanzen dieser Vielstimmigkeit zum Schluss ein geschlossenes Bild ergeben. Vielfach ist Warum Israel als ‚wichtigster Film über Israel‘ bezeichnet worden. Seine Montagetechnik – Lanzmann filmt Gespräche, die er mit seinen Protagonisten führt, er zeigt kein Archivmaterial und untermalt seine Bilder nicht mit Musik – wurde zur Blaupause für seinen anschließendes Mammutprojekt Shoah. (md)

Arbeitslosen Initiative Oldenburg

1. Einleitung

Der Begriff „Arbeitslosenarbeit“ hat uns noch nie gefallen. Er wird zu oft von Leuten gebraucht, die entlang der Förderrichtlinien im Maßnahme-Dschungel Arbeitslosigkeit entpolitisieren und individualisieren. Die Arbeitslosigkeit als Branche trägt mit ihrem Betreuungskonzept dazu bei, die Ursachen der Arbeitslosigkeit bei den Arbeitslosen zu suchen.

Als das Diakonische Werk 1985 vorschlug, die Arbeit mit Arbeitslosen zu einem eigenständigen Bereich innerhalb der Sozialarbeit zu machen, haben wir das mit Empörung zur Kenntnis nehmen müssen. Mittel dieser Sozialarbeit sollte die Arbeit als Therapie sein. Was für ein Widersinn: unbezahlte Arbeit als Therapie für Leute, denen nichts anderes fehlt als ein ausreichender Arbeits- oder Soziallohn!

Auf dem 2. Bundeskongress der Arbeitsloseninitiativen 1988 in Düsseldorf kamen sie noch zusammen: die Geschäftsführer der Beschäftigungsprojekte und die Arbeitslosen, die Gesellschaft, Politik und Kapital nicht so einfach aus ihrer Verantwortung für Arbeitslosigkeit, Armut und sozial Ausgrenzung entkommen lassen wollten. Seit jener Zeit des kopfschüttelnden Unverständnisses auf beiden Seiten ist es für uns nicht gerade leichter geworden, gegen die allgemein gewordene Akzeptanz von permanenter Massenarbeitslosigkeit und die betreuende Schuldzuschreibung an die Opfer anzugehen. Unsere Erfahrungen, Analysen und Überzeugungen einerseits und unsere solidarischen Lebenszusammenhänge andererseits bestärken uns jedoch immer wieder an unserem derzeit scheinbar anachronistischen Projekt festzuhalten.

2. Schwerpunkte der ALSO

Die Schwerpunkte unserer Arbeit sind die Beratung, die Öffentlichkeitsarbeit, die Organisierung mit von Arbeitslosigkeit, Armut und sozialer Ausgrenzung betroffenen Leuten sowie der Austausch mit ähnlichen lokalen Initiativen und Widerstandsformen. Diese Praxis hat sich in den letzten knapp 15 Jahren entwickelt nach unseren Bedürfnissen, Fähigkeiten, aufgrund theoretischer und strategischer Überlegungen und unter gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die unser Projekt zunehmend schwieriger gemacht haben.

Am Anfang waren wir unmittelbar Betroffene oder haben uns durch unsere Verweigerung dazu gemacht. Die gemeinsame Erfahrung der Diffamierung und Deklassierung und unsere kollektive Gegenwehr sollten Leute zusammenbringen, die sonst nicht zusammenkommen: ArbeiterInnen und Intellektuelle, Ausgegrenzte und Mittelklasse, Politisierte und politisch nicht Interessierte.

Der politische Betroffenenansatz stand anfangs neben Selbsthilfe, genossenschaftlichen und sozialarbeiterischen Ansätzen. Gegen den allgemeinen Trend hat sich in der ALSO die zumindest längerfristige Perspektive auf erfolgreichen Widerstand mit den Betroffenen durchgesetzt. Beratung oder Lobbying allein, ohne daß wir damit weitergehende Hoffnungen verbinden könnten, würden nicht die Motivation und Energie bei uns freisetzen, die wir brauchen um unser Projekt als ganzes mit allen einzelnen Arbeitsbereichen fortsetzen zu können.

2.1 Beratung

In den vergangenen 10 Jahren sind von uns über 30000 Sozialberatungen gemacht worden. Die Beratungsgespräche sind kostenlos und an keine Mitgliedschaft gebunden. Die Beratungen finden als Einzelgespräche im großen Raum des Arbeitslosenzentrums statt. Separate Einzelberatungen machen wir nur auf ausdrücklichen Wunsch, was aber nicht häufig vorkommt. Wir haben gute Erfahrungen mit dieser Form der Beratung gemacht, denn oft mischen sich Leute in die Beratungsgespräche ein mit ihren eigenen Erfahrungen und Ratschlägen. Für uns ist es eine praktische Möglichkeit zu zeigen, daß Arbeitslosigkeit, Armut und die ganzen damit zusammenhängenden Probleme nicht allein individuelle sind. Regelmäßig machen wir auch in zwei Stadtteilzentren und vor dem Sozialamt Beratung.

Das Beratungsgespräch ist für uns Information in beide Richtungen. Wir erhalten Informationen über die Perspektiven, Wünsche und Probleme der Leute, die zu uns kommen, und werden darüber auf dem laufenden gehalten, was man sich auf den Ämtern an neuen Schikanen ausgedacht hat. Oft konnten wir aus diesem Wissen heraus schnell Kampagnen starten, um die Ämter in ihre Schranken zu verweisen, wenn sie zu weit vorgeprescht waren.

Unser Beratungskonzept läßt sich so zusammenfassen: Beratung zur solidarischen Existenzsicherung und Selbstverwirklichung unter ungünstigen Bedingungen. Die wichtigste Frage dabei ist: Wie bekomme ich mindestens das Geld, das mir rechtlich zusteht? Die Empörung darüber, daß die Ämter – insbesondere das Sozialamt – ihrer Informationspflicht oft nicht nachkommen, ist groß. Andererseits gibt es Fragen, die nur gut mit einer parteiischen Stelle zu besprechen sind, so wie etwa Steuerpflichtige bestimmte Fragen nur mit ihrem Steuerberatungsbüro, nicht aber mit dem Finanzamt erörtern. Eine weitere wichtige Frage ist: Wie kann ich Ämterschikanen abwehren, die mir meinen ohnehin nicht leichten Alltag schwer machen? Da sind beispielsweise welche, die gern eine bestimmte Umschulung machen wollen, dafür aber angeblich nicht in Frage kommen. Anderen werden bestimmte Umschulungsmaßnahmen aufgedrängt, obwohl sie damit nichts anfangen können. Parteiische Beratung heißt für uns, daß wir in beiden Fällen zeigen, wie das Ziel erreicht werden könnte, nämlich die Umschulung machen oder abwehren zu können.

Wir grenzen uns ab gegen ein Beratungskonzept zur Arbeitsaufnahme oder Maßnahmeteilnahme um jeden Preis. Denn es unterstellt, daß die Leute unwillig oder unfähig wären, Initiative zu ergreifen und das Richtige für sich zu finden. Es unterstellt weiter, daß es genügend Arbeits- und Maßnahmeplätze für alle gibt. In der Beratung, in unserer Öffentlichkeitsarbeit und in unseren Kampagnen wenden wir uns gegen extensive Meldepflicht, schikanösen Bewerbungszwang, Einschränkung der Berufswahlfreiheit, Pflichtarbeit und Arbeitspflicht. Im Vordergrund steht für uns die Forderung nach einer ausreichenden Existenzsicherung für alle. Sie ist unter den gegebenen Bedingungen die Grundvoraussetzung für alles weitere, was Arbeitslose und Arme betreffen könnte.

Über die Beratung bekommen wir Kontakt zu den Leuten, die wir ansprechen wollen. Meist versuchen wir zum Abschluß eines Beratungsgesprächs für das Engagement in unserer Initiative zu werben. Wir weisen auch auf unsere Zeitung, unseren Club und auf laufende Kampagnen hin. Die Frage nach dem Verhältnis von Beratung zur individuellen Verwirklichung von staatlich garantierten Ansprüchen einerseits und kollektiver Gegenwehr andererseits ist für uns momentan kein Problem. Die Beratung bringt uns alltäglich zusammen, ist Grundlage unserer Finanzierung und damit eines Teils unserer Infrastruktur. Die Beratung gibt uns verallgemeinerbare Einblicke in die soziale Wirklichkeit und die Perspektiven der Leute, mit denen wir Strukturen kollektiven Widerstands gegen Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung organisieren wollen. Die Beratung ist Teil unserer Kompetenz, die uns bei Organisation und Öffentlichkeitsarbeit zugute kommt.

2.2 Öffentlichkeitsarbeit und Lobbying

Neben der Beratung sind Öffentlichkeitsarbeit und die Einmischung in die kommunale Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik charakteristisch für die ALSO. Durch Information versuchen wir dem in der Öffentlichkeit vorherrschenden negativen Bild vom Arbeitslosen und Armen und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Akzeptanz von Verschlechterungen im Leben von arbeitslosen, armen und ausgegrenzten Menschen entgegenzuwirken.

Der vorherrschenden Sichtweise zufolge ist nicht Massenarbeitslosigkeit und Massenarmut das Problem, sondern der einzelne Arbeitslose oder die einzelne Sozialhilfebezieherin, die nicht will oder kann, was man angeblich wollen oder können muß, um nicht arbeitslos oder arm zu sein. Diese verallgemeinerte Schuldzuweisung an die Opfer hat zusammen mit den Schikanen auf den Ämtern und der meist unzureichenden Existenzabsicherung eine verheerendere Wirkung auf das Selbstwertgefühl der Arbeitslosen als die Arbeitslosigkeit selbst.

Begründungen und Design des existierenden Maßnahme-Dschungels zur Lenkung und Kontrolle der Arbeitslosen und Armen im Rahmen von Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik erschaffen immer neue sogenannte Problemgruppen. Indem wir auf den ideologischen und repressiven Charakter des öffentlich propagierten Bildes von den Arbeitslosen und Armen hinweisen, tun wir mehr gegen die sogenannte psychosoziale Verelendung, als manche wohlmeinende sozialarbeiterische Betreuungsmaßnahme zur angeblichen Arbeitsmarktintegration von Leuten, die beispielsweise als „schwerstvermittelbare sozialbehinderte Langzeitarbeitslose mit mehr als drei vermittlungshemmenden Merkmalen“ klassifiziert worden sind.

Neben die Problemgruppenzuschreibung kommt der Sozialmißbrauchsvorwurf. Die erstere diffamiert in Richtung einer pauschal unterstellten, „natürlich“ bedingten oder schuldhaft herbeigeführten Unfähigkeit. Der Sozialmißbrauchsvorwurf diffamiert in Richtung einer pauschal unterstellten kriminellen Fähigkeit. Dahinter steckt nichts als eine Facette der präventiven Konterrevolution, die den Leuten, die von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen sind, nicht zu Bewußtsein kommen lassen will, daß ihre oft faktische individuelle Verweigerung, Gegenwehr und prekäre Autonomie legitim ist und zu kollektiven Widerstand werden könnte gegen Arbeitslosigkeit, Armut und den dahinter stehenden Status quo.

Problemgruppenzuschreibung und Sozialmißbrauchsvorwurf sollen die Solidarisierung zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen erschweren. Aus Sicht der Beschäftigten soll sich das Bild ergeben, daß die Arbeitslosen die Arbeitslosigkeit machen und nicht umgekehrt. Die Beschäftigten dagegen sind keine Problemgruppe mit vermittlungshemmenden Merkmalen, sonst wären sie nicht beschäftigt, also können sie nicht arbeitslos werden. Diese Hoffnung erfüllt ihren entsolidarisierenden Zweck bis zur Entlassung. Der Sozialmißbrauchsvorwurf verschärft das Klima weiter. In diesem Bild haben die Arbeitslosen den Beschäftigten etwas weggenommen, das den Beschäftigten gehört. Das daraus resultierende Verlangen nach Rache verstärkt die Akzeptanz der Beschäftigten von Verschlechterungen für Arbeitslose und Arme: schrittweise Absenkung des Lebensstandards, Beschäftigung um jeden Preis und allgemeine Diffamierung.

Mit unserer Kritik an dem ideologischen und repressiven Charakter des allgemein propagierten Bildes vom Arbeitslosen und Armen wollen wir nicht nur Beschäftigte und Öffentlichkeit erreichen, sondern auch die Leute, die mit uns von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen sind. Indem wir unsere Sichtweise gegen die herrschende stellen, machen wir den Leuten Mut, nicht auch noch selbst an den Unsinn zu glauben, der immer wieder über sie erzählt wird.

Ein weiteres Anliegen unsere Öffentlichkeitsarbeit ist die Kritik an der Standortdebatte und des dahinter stehenden ökonomischen Neoliberalismus. Dabei geht es uns nicht allein um den Zusammenhang von globalen Finanzmärkten, internationalen Produktionsverlagerungen einerseits und Verschuldung und Sozialabbau auf kommunaler Ebene andererseits. Für uns ist wichtig, Widerstand an anderen Orten des Globus auszumachen gegen das neoliberalistische Projekt, diesen mit unserer Situation in Verbindung zu bringen und öffentlich darüber zu diskutieren. So haben wir beispielsweise Anfang 1995 eine Veranstaltung zum Aufstand in Chiapas und Ende 1995 eine Spendensammlung für die gegen Sozialabbau Streikenden in Paris gemacht.

Die Skandalisierung von Massenarbeitslosigkeit und Armut fällt aufgrund der Propaganda gegen Arbeitslose und Arme und ihrer weitgehenden Akzeptanz immer schwerer. Es scheint, daß nur noch mit der Thematisierung von Kinderarmut das öffentliche Gewissen zu erreichen ist. In unserer Öffentlichkeitsarbeit, in unseren Kampagnen und Aktionen wollen wir jedoch auch weiter allgemein die Arbeitslosigkeit und Armut und die sich verschlechternden Bedingungen für alle Arbeitslosen und Armen zum Skandal erklären.

Kommunalpolitik ist für uns wichtig, weil im kommunalen Haushalt die sogenannten freiwilligen Leistungen verhandelt werden, wie z.B. die Höhe der einmaligen Beihilfe für Bekleidung in der Sozialhilfe, Bildungsschecks für Arbeitslose, Zuschüsse zu Fahrkarten im öffentlichen Nahverkehr sowie die finanzielle Förderung von sozialen Initiativen. Unser kurzfristiger Vertrag mit der Stadt sieht die Finanzierung der Warmmiete für unser Zentrum sowie zweier halber Stellen vor. An dieses Arrangement sind als weitere finanzielle Förderung eine halbe Stelle vom Land sowie ein bis zwei Rotations-ABM-Stellen der Bundesanstalt für Arbeit gebunden. Die freiwilligen Leistungen der Stadt stehen immer wieder zur Disposition. Durch Information und Lobbying versuchen wir regelmäßig alle in der kommunalen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik Engagierte von der Notwendigkeit zu überzeugen, die freiwilligen Leistungen für den sozialen Bereich zu erhalten und auszubauen. Gleichzeitig treten wir öffentlich für den weiter städtisch finanzierten Erhalt des Arbeitslosenzentrums und unserer Sozialberatung ein.

Daß die städtische Finanzierung uns in unseren Äußerungen, Aktionen und Kampagnen gelegentlich eine gewisse Selbstzensur und Zurückhaltung auferlegt, ist anzunehmen. Doch das ist zur Zeit kein Problem für uns, da wir den Grad unserer Radikalisierung nicht selbst bestimmen, sondern davon abhängig machen wollen, wie weit die Leute gehen wollen, die mit uns von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen sind. Solange wir durch unsere Form der Organisation, der Sozialberatung, der Öffentlichkeitsarbeit, des Lobbying und der Finanzierung nicht das entstehen radikaler Initiativen oder anderer Widerstandsformen von Arbeitslosen und Armen verhindern, machen wir uns um den derzeitigen Grad unserer Vermittlung und Integration keine Sorgen. Wir gehen davon aus, daß eine Radikalisierung ohne Verbreiterung und eine Verbreiterung ohne Radikalisierung uns nicht viel weiterbringen. Wir brauchen unter den gegebenen Bedingungen einen langen Atem, den Erhalt unserer Infrastruktur, die weitere Verankerung in der Öffentlichkeit und bei den Betroffenen sowie den Mut zu Gratwanderungen.

2.3 Organisation

Die Selbstorganisation unser Initiative mit Zentrum, Beratung, Öffentlichkeitsarbeit und Werbung um Engagement bei uns findet entscheidend auf unserem wöchentlichen Plenum statt. Daneben gibt es das wöchentliche Treffen der sogenannten Alltagsaktiven. Zu ihnen gehören neben unseren „Beschäftigten“ auch arbeitslose Leute, die wir nicht bezahlen können. Zum Plenum kommen darüber hinaus noch Arbeitslose, die nicht regelmäßig im Arbeitslosenzentrum mitarbeiten können, sowie außerhalb regulär Beschäftigte, die früher arbeitslos waren. Das Plenum ist grundsätzlich offen für alle Interessierten. Tatsächlich gibt es wenig Fluktuation auf dem Plenum, was zur Zeit sowohl unsere Stärke als auch unsere Schwäche ausmacht. Einerseits glauben wir, die effektive Arbeitsteilung eines professionellen Teams erreicht zu haben, andererseits kommen wir mit unserem Organisationsmodell nicht weiter, daß auf Dynamik, Verbreiterung und Radikalisierung unserer Initiative setzt.

Bei uns findet wöchentlich ein Frühstück und ein Café statt, um das Zentrum auch für Leute zu öffnen, die keine Beratungsfragen haben und nicht bei uns mitmachen wollen. Weiter gibt es den ALSO-Club, in den bisher mehr als 350 Leute aus Oldenburg und Ungebung eingetreten sind. Für monatlich 3 DM erhalten die Clubmitglieder regelmäßig unseren Infobrief mit unserer Zeitung, Infoblättern, Veranstaltungshinweisen etc. zugeschickt. Über den Clubverteiler können wir schnell und unabhängig für Kampagnen mobilisieren.

Unsere vierteljährlich erscheinende Zeitung „siesta“, die auch bundesweit verschickt wird, bringt einen Querschnitt durch unsere Aktivitäten: Tips im Umgang mit den Ämtern, Skandalisierung von Sozialabbau und Ämterschikane, Kritik des vorherrschenden Bildes vom Arbeitslosen und Armen, Meldungen und Berichte über Widerstand an anderen Orten, Analysen und anderes mehr.

Im Vorfeld von möglichen Aktionen und Kampagnen gegen geplante Verschlechterungen im sozialen Bereich laden wir mit Flugblättern vor den Ämtern, mit dem Infobrief an die Clubmitglieder und über die lokalen Medien (soweit wir unser Anliegen dort einbringen können) interessierte Leute zu unserem Plenum oder zu einem gesonderten Treffen ins Arbeitslosenzentrum ein, um gemeinsam mögliche Forderungen und Vorgehensweise zu entwickeln. Unser Ziel ist es, über punktuelle Aktionen und Kampagnen neue aktive Mitglieder für unsere Initiative zu gewinnen.

2.4 Vernetzung

Das bekannte Motto vom lokalen Handeln und globalen Denken scheint uns eigentlich zu defensiv angesichts eines praktisch global triumphierenden Neoliberalismus, der seine menschenverachtenden Direktiven bis in die letzten lokalen Winkel des Globus durchzusetzen versucht. Das alte „teile und herrsche“ im modernen Gewande der Standortkonkurrenz ist nur aufzuhalten durch eine globale Vernetzung der davon am stärksten Betroffenen und ihrer weitgehend isolierten lokalen Widerstandsformen. Durch internationale Vergleiche von unten, d.h. aus unserer Sicht, werden die Formen von Deregulation und Sozialabbau in der eigenen Region schneller erkennbar. Der Erfahrungsaustausch zwischen lokalen Initiativen an den offiziellen Medien und Informationskanälen vorbei, führt zur motivierenden Erkenntnis, daß wir mit unseren Analysen, Forderungen und Aktionsformen nicht alleine dastehen. Die Vernetzung und die andere Information von unten unterstützen die Öffentlichkeitsarbeit und Organisationsbemühungen am Ort, denn sie wenden sich perspektivisch gegen das Argument, daß lokal ohnehin nichts auszurichten sei.

Die ALSO ist Teil von „Itaca – Internationaler Kampf für eine Welt ohne Armut und Arbeitslosigkeit“. Itaca ist ein bis jetzt europäischer Zusammenschluß von Initiativen und Netzwerken mit regelmäßigen Treffen und gelegentlichen befristeten Austausch von Aktiven. 1994 und 1995 beteiligte Itaca sich an den Aktionen gegen den G7-Gipfel in Neapel, der Anti-IWF-Aktionen in Madrid sowie an den Gegenaktionen zum Weltsozialgipfel in Kopenhagen (vgl. Itaca 1995, S. 5).

Die ALSO ist Mitglied im European Network of Unemployed (ENU), das bürokratischer aufgebaut ist und sich gegenüber der EU als offizielle Vertretung der europäischen Arbeitslosen etabliert.

Ein weiterer Weg der internationalen Vernetzung ist das weltweite Computernetz Internet. Wir haben darüber erste Kontakte bekommen zu Interessierten und Initiativen in Japan, Canada, USA, Frankreich und Niederlande. Ob diese Form der Vernetzung als Möglichkeit für einen beständigen Erfahrungsaustausch, Diskussionen und Kooperationen taugt, ist noch offen.

Am weitesten fortgeschritten ist unsere Vernetzung auf Bundes- und regionaler Ebene. Austausch von Beratungswissen, Gesetzesinterpretationen, Sozialstaatskritik, Analysen, Entwicklung gemeinsamer Forderungen und Aktionen sind die Stichwörter, die unsere Zusammenarbeit in den Bundesarbeitsgruppen der Erwerbslosen, der Sozialhilfeinitiativen, der bundesweiten Erwerbslosenzeitung „Quer“, der Landesarbeitsgemeinschaft der Arbeitslosenprojekte für Erwachsene in Niedersachsen und dem Regionalverbund der Erwerbsloseninitiativen Weser-Ems charakterisieren.

Auf lokaler Ebene gibt es in Fragen der kommunalen Sozialpolitik sporadisch die Zusammenarbeit mit anderen sozialen Initiativen und Einrichtungen. Wichtig ist für uns auch die Zusammenarbeit mit sozialpolitisch interessierten StudentInnengruppen und linken autonomen Gruppen.

Die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und dem DGB hat sich in den letzten Jahren für uns auf lokaler Ebene verbessert. Sichtbarer Ausdruck ist der gemeinsam getragene „Runde Tisch sozialer Verantwortung“.

3. Praktische und theoretische Versatzstücke unseres Ansatzes

Als wir 1992 als Arbeitsloseninitiativen unser 10jähriges Bestehen zum Anlaß von Rückblicken und Feierlichkeiten machten, erstellten wir ein Chronik unserer Aktivitäten (Siesta, Nr. 15). Wenn wir damit auch über unsere eigene kleine Geschichte verfügen, was war eigentlich davor? Welche Vorbilder könnten uns für unsere Projekt gedient haben? Diese im nachhinein als verschüttete Tradition zu entdecken, bestärkt uns darin, unseren Ansatz gegen den Mainstream der „arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Akteure“ zu behaupten.

Was fehlt in der Reihe der folgenden möglichen Vorbilder für unseren Ansatz, sind historische und aktuelle Widerstandsformen von Arbeitslosen und Armen, die bislang der Forschung und Literatur weitgehend entgangen sind. Die alltägliche Widersätzlichkeiten von unten, die Formen von scheinbar nur individueller Aneignung von Zeit und Ressourcen trotz Arbeitslosigkeit und in der Arbeitslosigkeit werden von den Leuten selbst nicht zur Strategie erhoben, um sie möglichen staatlichen Angriffen nicht zugänglich zu machen (vgl. Rein/Scherer 1993).

3.1 Erwerbslosenpolitik der KPD von 1918-1933

Entgegen der in der Literatur oft pauschal aufgestellten Behauptung, daß es der KPD in der Weimarer Republik nicht um konkrete Verbesserungen für Erwerbslose gegangen sei, sondern vielmehr um ihre Instrumentalisierung, stellten wir auf unserer ALSO-Schulung im April 1989 fest: „Die kommunistische Erwerbslosenpolitik 1928-1933 stellte sich selbst die Aufgabe, durch eine langfristige, kontinuierliche, massenhafte Organisation von Erwerbslosen bei langanhaltender Massenarbeitslosigkeit und absoluter Vearmung von Millionen bis weit unters Existenzminimum durch organisierten politischen Kampf eine tagespolitische und grundsätzliche Verbesserung der Arbeitslosenverhältnisse zu erreichen“ (Kahrs 1989, S.21).

Nach anfänglich starker Gewichtung der Gewerkschaftsarbeit stellte sich für die KPD ab 1928 heraus, daß die Stempelstellen und Wohnviertel als Organisationsort ebenso bedeutend waren wie die Betriebe. Folgende Forderungen waren für die Erwerbslosenpolitik der KPD wichtig: eine staatliche Garantie eines vom Kapital zu finanzierenden und von den Erwerbslosen bzw. den Gewerkschaften zu kontrollierenden garantierten Existenzminimums, die Herabsetzung der Preise für Lebensmittel oder die Versorgung der Arbeitslosen mit Lebensmitteln unter Kontrolle der Arbeiterorganisationen und die Eingliederung der Arbeitslosen durch staatliche Arbeitsbeschaffung und Arbeitszeitverkürzung (1919: 6-Stunden-Arbeitstag).

Einiges an den Kämpfen der Erwerbslosen und der KPD ist für uns noch aktuell, wie z.B. die Frage nach dem Verhältnis von Soforthilfe und längerfristigem Widerstand gegen das kapitalistische Regime. Aktuell ist auch die Notwendigkeit geblieben, die Kämpfe der Beschäftigten und der Arbeitslosen gemeinsam zu führen. Anders als damals ist, daß es hier und jetzt keine massenhafte absolute Verelendung, keine Massenstreikperspektive und keine faschistische Massenorganisation gibt, die mit Arbeit und Brot Arbeitslose zu ködern versucht.

3.2 Bewegung der US-WohlfahrtsempfängerInnen der 60er Jahre

Die zunehmenden Forderungen nach Sozialfürsorge traten nach 1960 vor allem in den nördlichen Großstädten der USA auf und entwickelten sich zu einer breiten militanten Bewegung, die hauptsächlich von der schwarzen Armutsbevölkerung getragen wurde. Angesichts der daraus entstandenen Massenunruhen von 1964-1968 wandte sich auch die Bürgerrechtsbewegung verstärkt der Armutsfrage zu. Die Ursache der Armut, nämlich prekäre Jobs und Arbeitslosigkeit, war unmittelbar nicht anzugreifen. Deshalb wurde der Mangel an Einkommen thematisiert, das Recht auf Sozialfürsorge propagiert und die Einführung eines staatlich garantierten Mindesteinkommens gefordert.

Die offizielle Politik reagierte mit der Bewilligung von neuen Mitteln für Anti-Armuts-Programme. Es kam zu weiteren Getto-Unruhen und einem Anstieg der Anträge auf Sozialfürsorge: 1960 bekamen 745000 Familien Sozialbeihilfe, 1968 1,5 Millionen und 1972 über 3 Millionen (vgl. Piven/Cloward 1986, S.300).

Die Auseinandersetzungen in dieser Zeit waren von hoher Militanz gekennzeichnet: „Wenn zu Demonstrationen in den zentralen Wohlfahrtsämtern aufgerufen war, erschienen zwischen 500 und 2000 Menschen… Sit-ins, die häufig die Proteste begleiteten, dauerten zuweilen mehrere Tage. Obwohl die Behörden in diesen turbulenten Zeiten gewöhnlich nicht dazu neigten, Fürsorgeempfänger festnehmen zu lassen, wurden doch Dutzende von Demonstranten verhaftet. Meist jedoch begegnete man den Protesten, indem man Schecks ausstellte“ (Piven/Cloward 1986, S.333).

Innerhalb der in dieser Zeit entstanden „National Welfare Rights Organization“ (NWRO) wurde diskutiert, inwieweit über eine von unten forcierte Zunahme der Wohlfahrtsausgaben sowohl fiskalische als auch politische Krisen in den Städten ausgelöst würden, „deren Auswirkungen die Regierung dazu veranlassen könnte, das Wohlfahrtssystem in die Verantwortung des Bundes zu nehmen und ein nationales Mindesteinkommen einzuführen“ (Piven/Cloward 1986, S.301).

Insgesamt haben die militanten Unruhen zu einem gestiegenen Sozialeinkommen für Arbeitslose und Arme in dieser Zeit geführt. Der sozialpolitische Rollback ab Ende der 60er Jahre konnte aber aufgrund des Abflauens der militanten Unruhen und des Scheiterns des Organisationsmodells der NWRO nicht aufgehalten werden.

3.3 Community Organization und konfliktorientierte Sozialarbeit

Community Organization entstand in der USA der 30er Jahre. Die Methoden der Organisierung von ArbeiterInnen durch die Gewerkschaften wurden für den Aufbau von Bürgerorganisationen in den heruntergekommenen Stadtteilen der Großstädte angewendet. Community Organization entwickelte sich in den USA zu einem eigenständigen Berufsfeld außerhalb von Sozialarbeit und Gewerkschaftsbewegung. Es wird davon ausgegangen, daß durch Machtverschiebung zugunsten der Armen und Ausgegrenzten grundsätzliche soziale Reformen innerhalb des gegebenen us-amerikanischen Systems möglich sind. Die gesellschaftliche Perspektive des Community Organization ist „eine funktionierende Demokratie ohne Machtkonzentration, dafür mit einer breiten Verteilung der Macht, die allen gesellschaftlichen Gruppen gleichmäßig Partizipations- und Mitgestaltungsmöglichkeiten gibt“ (Mohrlok u.a. 1993, S.85).

Die Methode des Organizing fängt an mit der Identifizierung von konkreten Einzelproblemen der Betroffenen im Stadtteil durch Interviews von Tür zu Tür. Die so identifizierten Probleme müssen potentiell durch den Druck der betroffenen Bürger auf die als Personen identifizierten Verantwortlichen abstellbar sein. Erfolge sind der Motor für weitere Organisierung um die Beseitigung weiterer Probleme der Leute im Stadtteil.

Zwischen 1966 und 1975 wurde die Idee des Community Organization von Teilen der institutionalisierten Sozialarbeit in der BRD als Gemeinwesenarbeit aufgegriffen. Viele SozialarbeiterInnen sahen die Funktion der Sozialarbeit kritisch als Stütze des Systems. Mit der Gemeinwesenarbeit war in dieser Zeit die Hoffnung verbunden, die Sozialarbeit von innen zu einem „Vorfeld politischer Organisierung“ machen zu können. Statt auf Kompromiß und Kooperation wurde auf konfliktorientierte Konzepte gesetzt: Parteilichkeit für die Betroffenen, Selbstorganisation der Betroffenen und Interventionsformen wie „begrenzte Regelverletzung, ziviler Ungehorsam und gewaltsame Aktionen als kalkulierte strategische Schritte“ (Mohrlok u.a. 1993, S.45).

3.4 Randgruppenstrategie

Der Schlußsatz in Marcuses 1964 enstandenem Buch „Der eindimensionale Mensch“ ist ein Zitat von Walter Benjamin zu Beginn der faschistischen Ära: „Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.“ Jean-Paul Satre schreibt das Zitat „Unsere Hoffnung sind die Hoffnungslosen“ Marcuse zu. Auf der Suche nach dem revolutionären Subjekt kommen die revolutionären Intellektuellen von der ArbeiterInnenbewegung zu den Ausgegrenzten, von den Organisationen der proletarischen Gegenmacht zur diffusen Aneignung und Weigerung.

Der eindimensionale Mensch lebt in einer Totalität aus Entfremdung, Integration und Kontrolle, die nur noch bedroht sein könnte von einer radikalen Theorie und vom „Substrat der Geächteten und Außenseiter: die Ausgebeuteten und Verfolgten anderer Rassen und anderer Farben, die Arbeitslosen und die Arbeitsunfähigen“ (Marcuse 1988, S.267). Sie existierten außerhalb des demokratischen Prozesses, ihr Leben bedürfe am unmittelbarsten und realsten der Abschaffung unerträglicher Verhältnisse und Institutionen. Damit sei ihre Opposition revolutionär, wenn auch nicht ihr Bewußtsein: „Wenn sie sich zusammenrotten und auf die Straßen gehen, ohne Waffen, ohne Schutz, um die primitivsten Bürgerrechte zu fordern, wissen sie, daß sie Hunden, Steinen, Bomben, dem Gefängnis, Konzentrationslagern, selbst dem Tod gegenüberstehen. Ihre Kraft steht hinter jeder politischen Demonstration für die Opfer von Gesetz und Ordnung“ (Marcuse 1988, S.267). Es bestünde die Chance, daß hier die geschichtlichen Extreme wieder zusammentreffen: „das fortgeschrittenste Bewußtsein der Menschheit und ihre ausgebeutetste Kraft“ (Marcuse 1988, S.268).

3.5 Die Wiederkehr der Proletarität

Massenarbeitslosigkeit, Pauperismus, zunehmend prekäre Arbeitsverhältnisse und neue „selbständige“ Arbeitsformen werden von Karl Heinz Roth als überraschende Wiederkehr einer neuen Proletarität analysiert, die „die Arbeiterklasse der kapitalistischen Zentren bei allen auch weiterhin bestehenden und teilweise sogar vertieften Einkommensunterschieden zunehmend mit dem Proletariat der Schwellenländer und der drei Kontinente“ verbinden (Roth 1994, S.190). Es werde keine flächendeckenden Hochlohngebiete mehr geben, sondern nur noch Hochlohninseln für höchstens 15-20 Prozent der Lohnabhängigen (S.19).

Die neue Proletarität ist das Ergebnis eines Gegenangriffs des global agierenden Kapitalismus auf die Arbeiterkämpfe und Sozialrevolten der 60er und 70er Jahre: „Sie alle produzierten „die Krise“: eine Krise der Lohnkosten, aber auch eine Krise des Vertrauens in die Integrationskraft sozialstaatlich gelenkter Modernisierungs- und Planungsutopien“ (S.162). Zentrum des Gegenangriffs sind die „liberalisierten“ Finanzmärkte, die den nationalen Zentralbanken die „Zinssouveränität“ nehmen und die Budgetrestriktionen zur allgemeinen Norm erheben (S.166). Dabei „stellen die Arbeitsmärkte und Sozialtransfers für die um ihre hegemoniale Stellung kämpfenden Staatsregimes die letzten Variablen dar, auf die sie nach dem Ausverkauf ihrer eigenen Geld- und Kapitalbudgets als Erfüllungsgehilfen des globalen Zyklus überhaupt noch gestaltend Einfluß nehmen können“ (S.176).

Für die Linke in der BRD wird ein klassenanalytisch fundierter Neuanfang und die Gründung „proletarischer Zirkel“ vorgeschlagen: Informationsaustausch, Koordinierung der sich ausdifferenzierenden Lebenssphären des neuen Proletariats und die Suche nach „homogenisierenden und die soziale Subjektivität des Widerstands befördernde Kampfformen from the bottom up“ (S.157). In den bislang relativ prosperierenden Metropolenländern neige sich die Zeit der „in kleinen informellen Netzen und alternativen claiming movements praktizierten Vermeidungs- und Umgehungsoptionen“ dem Ende zu (S.263). Im Prozeß der globalen Vernetzung aller lokalen Widerstandsansätze ist der derzeitig global wirksame Akkumulationstyp angreifbar. Dieser Angriff ist „an jedem Ausbeutungspunkt prinzipiell möglich und sinnvoll“ (S.276):

4. Hoffnungen und Perspektiven

Die materiellen Erfolge einer lokalen Betroffeneninitiative mit Beratung, Öffentlichkeitsarbeit und Lobbying für Arbeitslose und Sozialhilfeberechtigte werden zur Zeit – obwohl sie im Einzelfall oft nicht unerhebliche Verbesserungen bedeuten – immer defensiver und geringfügiger. Doch für die Leute, die in die Beratung kommen oder bei Kampagnen und in der Initiative mitmachen, ist die Erfahrung, nicht allein den Arbeits- und Sozialverwaltungen und der öffentlichen Meinung ausgeliefert zu sein, eine wichtige Unterstützung.

Die ALSO sammelt – wie andere Initiativen an anderen Orten – Erfahrungen, Wissen und Vertrauen für eine notwendige allgemeinere Bewegung gegen Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung. Ohne eine Perspektive auf Verbreiterung würde uns die Professionalisierung unserer Tätigkeit um ihrer selbst willen genügen. Ohne eine solche Perspektive könnten wir jedoch nicht die Motivation und Energie freisetzen, die wir als Einzelne und als Initiative für die von uns als notwendig angesehen Aktivitäten brauchen

Die sich mit der Zeit bei uns herausgebildete Kompetenz und Infrastruktur wollen wir mittelfristig in eine allgemeine linke Bewegung in der BRD einbringen. Die Entwicklung nach 68 von der neuen Linken über die sogenannten neuen sozialen Bewegungen hin zu lokalen Einpunkt-Initiativen gerät angesichts des konzentrierten globalen Klassenkampfs von oben immer klarer an ihre Grenzen.

Die ALSO wird die hier skizzierten Aktivitäten fortsetzen. Unzufrieden sind wir damit, daß wenig Neue in unsere Initiative einsteigen. Gründe dafür liegen in der Professionalisierung und darin, daß wir unseren Alltag und unsere Mittel des sozialpolitischen Eingreifens zu einseitig auf unsere Ausbildungen und Fähigkeiten zugeschnitten haben (Informationsverarbeitung, Meinungsbildung, Beratung etc.). Ein weiterer Grund für die Hemmnisse bei uns einzusteigen, liegt darin, daß wir uns hauptsächlich auf die Vollzeit-Arbeitslosen und befristet abgesicherten „hauptamtlichen“ Vollzeit-Aktiven beziehen. Die Vollzeit-Arbeitslosen werden relativ weniger, da der ökonomische Druck zu prekärer Arbeit und der behördliche Druck in Richtung Pflichtarbeit, Arbeitsaufnahme, Bewerbungszwang und Mahnahmeteilnahme zunimmt.

Für uns bedeutet das, daß wir in der Initiative für uns notwendige Bereiche entwickeln müssen, die nicht auf das herrschende Modell von Kopfarbeit beschränkt sind. Für uns bedeutet das weiter, daß wir mitentscheidendes Engagement in der Initiative auch Leuten ermöglichen müssen, die weniger Zeit zur Verfügung haben.

Die herrschende Verarbeitung von Arbeitslosigkeit und der staatliche Umgang mit Arbeitslosen scheint gegenwärtig aufgrund steigender Arbeitslosenzahlen im Umbruch zu sein. Offen ist, ob eine erneute individualisierende Schuldzuschreibung und Verdrängung möglich ist, oder ob eine gesellschaftliche Repolitisierung der Massenarbeitslosigkeit ansteht. Wir müssen in jedem Fall von weiteren Angriffen auf die Unterstützungsleistungen, Lebensbedingungen und Freiheiten von Arbeitslosen und Sozialhilfeberechtigten ausgehen. Eine für uns wichtige Frage ist, ob der dadurch erzeugte Druck hin zu prekären Jobs mit mehr Arbeit für weniger Geld staatlicherseits als ausreichend angesehen wird, oder ob dezentralisierte oder gar zentralisierte Modelle von Pflichtarbeit und Arbeitsdienst ausgebaut werden sollen. Wahrscheinlich wird vorerst eine dezentralisierte Kombination aus ökonomischen und behördlichen Druck vorangetrieben, nämlich die durch Sperrzeit- und Sozialhilfekürzungsandrohungen durchgesetzte Pflichtarbeit bei privaten Arbeitgebern, deren Hungerlöhne durch geringe staatliche Zuschüsse (oder Freibeträge) an die Betroffenen ergänzt werden. Insgesamt werden die „working poor“ zunehmen, also Armut trotz und wegen Vollzeit-Arbeit.

Dagegen setzen wir auf die Entwicklung einer breiten Bewegung gegen Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung. Die französischen Streiks Ende 95 gegen Sozialabbau, die auch in der BRD denkbar sein müssen, sind ein Hoffnungsschimmer. Die ersten leisen Drohungen der IG Metall mit Steiks im Falle des Scheiterns des „Bündnisses für Arbeit“, so defensiv und chauvinistisch dieses auch sein mag, könnte einen Umbruch in den Bedingungen für unsere Gegenwehr markieren. Grundsätzlich müssen wir aber davon ausgehen, daß es für arbeitslose, sozialhilfeberechtigte und prekär beschäftigte Menschen und ihre Familien in der BRD nur eine wirksame Interessenvertretung gibt – wir selbst!

5. Literatur

Itaca, Solidarität kennt keine Grenzen – Reader zum Itaca Kulturkongreß gegen Arbeitslosigkeit und Armut in Hamburg vom 5.-8. Oktober 1995, Hamburg 1995 (Hrsg.: Erwerbslosenselbsthilfe e.V. c/o Das Büro, Thadenstr 118, 22767 Hamburg)

Horst Kahrs, KPD und Erwerbslosenpolitik, in: Materialien für die Siesta-Schulung – Wie weiter in der Arbeitslosenpolitik?, Oldenburg 1989, S.13-22 (unveröffentlichtes Manuskript)

Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch – Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Hamburg 1988 (1964)

Marion Mohrlok, Michaela Neubauer, Rainer Neubauer und Walter Schönfelder, Let’s organize! – Gemeinwesenarbeit und Community Organization im Vergleich, München 1993

Frances Fox Piven und Richard A. Cloward, Aufstand der Armen, Frankfurt am Main 1986, hier Kapitel V: Die Protestbewegung der Wohlfahrtsempfänger, S. 289-398

Harald Rein und Wolfgang Scherer, Erwerbslosigkeit und politischer Protest – Zur Neubewertung von Erwerbslosenprotest und der Einwirkung sozialer Arbeit, Frankfurt am Main 1993

Karl Heinz Roth (Hrsg.), Die Wiederkehr der Proletarität – Dokumentation einer Debatte, Köln 1994

Siesta, Zeitung der Arbeitslosenselbsthilfe (seit 1988), 26122 Oldenburg, Kaiserstr. 19

Steckrübenschlacht

Steckrübenschlacht – Wem gehört die Stadt, das Land, der Fluß?
Autonome organisieren Volksauflauf gegen städtische Vertreibungspolitik

Den 80. Jahrestag der Steckrübenschlacht nimmt die Wuppertaler autonome Szene zum Anlaß, einen Aktionstag am 27.2.97 um 17.00 Uhr in und um die Rathausgalerie zu organieren. Die Organisatoren wollen mit einer Art „Volxsauflauf“ zurück in den öffentlichen Raum und halten verschiedene Überraschungen wie Steckrübeneintöpfe bereit. Die „Steckrübenschlacht“ war eine soziale Revolte der RüstungsarbeiterInnen 1917 in Wuppertal, die sich zu Hungerdemonstrationen und Plünderungen ausweitete. Das vergessene Datum ist für den „AK Steckrübenschlacht“ der geeignete Termin gegen die Vertreibungspolitik in der Wuppertaler Innenstadt zu protestieren. Die Wuppertaler Aktion ist eingebunden in eine bundesweite Kampagne gegen Vertreibung und Ausgrenzung, die gemeinsam im Juni diesen Jahres mit dezentralen Aktionen in den Großstädten auf den Plan treten will. Auch für Wuppertal sind Veranstaltungen und Aktionen in Vorbereitung.
Seitdem Bürgermeister Hermann Josef Richter (CDU) wieder repressive Maßnahmen gegen Obdachlose fordert oder sogar eine neue Straßensatzung andenkt ( die WN berichtete), und damit sehr agressiv mit rechtspopulistischen Themen das Wahlkampfduell gegen Kremendahl eröffnet hat , will die Initiativgruppe Flagge zeigen gegen Ausgrenzung und Vertreibung von mißliebigen Minderheiten, die nicht kaufkräftig genug erscheinen. Gegen das „junkee jogging“ der Polizei setzen sie auf einen politischen Volkslauf durch die Innenstadt, zu den Orten, an denen Vertreibung und Diskriminierung sich täglich zeigt. Die Initiatoren kritisieren vor allem die neue Rolle von sogenannten schwarzen Sheriffs, die überall präsent sind und polizeiliche Aufgaben übernehmen. Besonders die Privaten der Rathausgalerie und des Kaufhof – Untermieters Saturn, zeigten aggressiv, wer zu den Käufern und Konsumenten zählen darf. Gerade vor der Rathausgalerie versuche die Polizei in Zusammenarbeit mit dem privaten Wachschutz der Rathausgalerie mißliebige Personen aus dem Straßenbild zu säubern. Hier, aber auch an anderen Stellen der Stadt wollen Geschäftsleute bestimmen, wer sich vor ihren Ladenzonen.aufhalten darf. „Was sich in Wuppertal ausbildet, ist eine Art soziale Apartheid. Das Ziel dieser „sozialhygenischen“ Politik ist die Bekämpfung der sichtbaren Erscheinungsformen von zunehmender Armut und Elend, die Verhinderung von „Konzentration und Verfestigung“ sowie das Sauberhalten „repräsentativer Räume und Visitenkarten der Stadt“. Eine „gute“ und effektive Vertreibungspolitik wird so zu einem wichtigen Standortfaktor. Reichtum soll sich ungestört präsentieren können. Die pure Anwesenheit von Bettlern könnte potentiellen Kunden so etwas wie ein schlechtes Gewissen machen und sie beim Kaufen beeinträchtigen.“
In der Tat geht der Umbau der Städte für gehobenen Konsum und Kulturvergnügen einher mit der Reprivatisierung von öffentlichen Raum, der abgesichert wird durch eine Vielfalt von Schwarzen Sheriffs, neuen Polizeistationen, einer medial gelenkten Drogenhysterie, die gezielt die vielfältigen Rassismen in dieser Gesellschaft bedient.
Massnahmen wie die Zerschlagung der offenen Drogenszenen und die Schikanierung von Migranten- Jugendlichen sind verbunden mit der medialen Bewertung dieser Gruppen als Sicherheitsfaktor, als „gefährliche“ und „unerwünschte“ Gruppen. Fast überall in den bundesdeutschen Großstädten haben sich Allianzen aus Geschäftsleuten und städtischen Behörden gebildet, um Verbotszonen für bestimmte Gruppen und normative Vorstellungen zur sozialen Reglementierung städtischer Räume durchzusetzen. Herumlungern, Trinken, Kiffen, Dealen oder Betteln gelten als abweichendes Verhalten, das die öffentliche Sicherheit gefährdet.
Konkret in Wuppertal hat die vom Einzelhandel durchgesetzte Polizeiwache am Döppersberg maßgeblich zur Vertreibung der Drogenkranken beigetragen, viele sind auf den Platz vor der Rathausgalerie oder in das Viertel an der Hofaue.ausgewichen. Beide Viertel sollen aber in Zukunft die Schaufenster dieser Stadt sein, auch hier werden die Menschen über kurz oder lang nicht mehr geduldet. Genau diese Entwicklung hat sich vor der Rathausgalerie zur Hatz auf schwarze und andere AusländerInnen zugespitzt. Viele dieser Jugendlichen haben schon Hausverbot, auch draußen werden sie immer öfter von zivilen und uniformierten Polizisten kontrolliert, mit Platzverweisen schikaniert und „mal eben“ zur Polizeiwache mitgenommen. Das berüchtigte „junkie jogging“ der Polizisten von der Polizeiwache, Hofkamp, also die polizeiliche „Belästigung“ der Drogenkranken auf der Platte, hat sich ausgeweitet zu einem Langstreckenlauf durch die Innenstadt.
Die Innenstädte stellen nach wie vor Zentren des Informationsaustausches, Treffpunkte für marginalisierte Gruppen und Anziehungspunkt für Migrationsbewegungen dar. Diese sozialen Gruppen versuchen sich sich die Cities anzueignen bzw. ihr Bleiben dort durchzusetzen . Die Innenstädte werden deswegen gerade in den Zeiten der zunehmenden städtischen Armut zum umkämpften Terrain. Die versuchte Abschiebung der „Konsumunwilligen und Konsumunfähigen“ in Obdachlosenasyle, Therapien und Abschiebeknäste sind offensichtlich keine Alternative zu dem beschwerlichen, elenden und todbringenden „Leben“ auf Wuppertaler Straßen. Der Sozialdezernent Herbert Wilts hat daher Unrecht mit der Feststellung: „Auf Wuppertaler Straßen muß kein Mensch erfrieren“ Wer den einsamen, aber kollektiven Tod auf Wuppertals Straßen- wie der Tamilische Flüchtling im vorletzten Jahr- den städtisch und polizeilich verordneten Leben vorzieht, muß seine Gründe haben.

Wann werden denn die Steckrüben geworfen?
Aktionstag vor der Rathausgalerie.

Die Agit Prop Aktion der Autonomen zum 80. Jahrestag der sogenannten Steckrübenschlacht verlief am 28. Februar ohne Zwischenfälle. Das WDR Kamera-Team und die Hundertschaft Wuppertaler Bereitschaftspolizei warteten vergeblich auf Steckrüben – ähnliche Wurfgeschosse, geboten wurde an diesem Tag „nur“ Steckrübeneintopf, Straßenmusik und ein 6 Meter langes Transparent, daß sich gegen gegen Vertreibung und Ausgrenzung aus den Innenstädten richtete und den Eingang der Rathausgalerie versperrte. Die Aktion war der Wuppertaler Startschuß der bundesweiten Kampagne gegen Vertreibungpolitik, gegen die diskriminierende Behandlung von Minderheiten in den Innenstädten. In Flugblättern wurde zum Widerstand gegen die ünwürdige Behandlung auf den Ämtern aufgerufen . Brisant hingegen könnte eine Umfrage zum Sozialamt werden. AK Gläsernes Rathaus ruft darin alle SozialhilfeempfängerInnen auf, „ihre“ Sachbearbeiter zu benoten. „Öffentlichkeit über unwürdige Behandlungen auf den Ämtern soll die Betroffenens stärken.“ Aus diesem Grund kursieren in Wuppertals Amtsstuben jetzt Flugblätter mit sämtlichen Namen der Sachbearbeiter des Sozialamtes. Die Initiatoren aus dem Umfeld des Autonomen Zentrums hoffen auf großen Rücklauf.
Die Hundert DemonstrantInnen, die Polizei und der private Sicherheitsdienst staunte nach „gelöffelter Suppe“ nicht schlecht, als eine zweite Demonstration unerwartet sich den Weg durch die Rathausgalerie bahnte. Unerkannt waren 15 Personen, die sich „in Schale“ geworfen hatten, durch die Tiefgarage in die Rathausgalerie gelangt. Dort begann für autonome Verhältnisse eine ungewöhnliche Demonstration . Die schick gekleideten jungen Leute formierten sich wie an der picket line zur Kreisdemo nach US- amerikanischer Art und holten Tafeln aus ihren feinen Jacken, die „Junk Food statt junkies forderten“ und für eine härter Vertreibungspolitik plädierten. Mit Sprechchören wie „Weg mit den Sozialschmarotzern – weg mit der Vermögenssteuer“ wurde satirisch Position bezogen. Passanten, die sich über die „Demonstranten“ empörten, wurden wahlweise „arbeiten “ oder „nach drüben geschickt“.

Die Rathausgalerie war durch den massiven Einsatz sogenannter schwarzer Sheriffs in die Kritik gekommen. Ausländische Jugendliche , Obdachlose und Junkies wurden häufig mit Hausverboten belegt, besonders im Winter war das „freundliche Einkaufszentrum“ „no go area“ für Minderheiten. Das Faß zum Überlaufen brachte das wiederholte Hausverbot gegen die Streetworker eines städtischen Drogenprojektes. Da die Streetworker schwarz und jugendlich waren, passten sie nicht in das einfache Raster des privaten Sicherheitsdienstes und mußten vor der Tür bleiben. Zwischenzeitlich kam es zu Gesprächen mit dem Management der Rathausgalerie. Der center-Manager Dirk Strehlau gelobte Besserung. Auch am Tag der Steckrübenschlacht zeigte sich Wuppertals „shopping center “ von seiner liberalen Seite. Center Manager Strehlau löffelte gemeinsam mit den Demonstranten eine Steckrübensuppe und auch seine „schwarzen Sheriffs“ waren nicht auf Konfrontationskurs. Strehlau hat in einem Brief auf jeden Fall Gesprächsbereitschaft auch mit den Kritikern signalisiert und auch eine Fälschung mit Briefkopf der Galerie, die in Elberfelder Stadtgebiet verteilt wurde, störte nicht die relaxte Stimmung an diesem Tag. Nur der 3. Bürgermeister, Hermann Josef Richter CDU, der so vehement eine neue Straßensatzung zur Vertreibung von Minderheiten fordert, hatte an diesem Tag Ärger mit „seinen“ Wuppertalern. Bis in die Nacht riefen Wuppertaler bei einer vermeintlichen Servicenummer an, die eine Service-Card der Rathausgalerie versprach, die in Wirklichkeit Richters Privatnummer war.
Es bleibt abzuwarten, ob diese günstige Situation für Wuppertals Minderheiten anhält. Zur Zeit verzichtet der private Sicherheitsdienst auf restriktive Gesichtskontrolle und bekannte Gestalten aus der Obdachlosen und Drogen-Szene haben Platz genommen an den Tischen der Gastronomie in der Rathausgalerie.

Wüstenfüchse in Wuppertal

Blockade gegen Rommelsarmee gescheitert.

“ Doch auch im Menschen- und Maschinenkrieg bestimmen oft menschliche und soldatische Qualitäten den Ausgang der Schlacht. Und auf deutscher Seite war es zweifellos eine Elite, welche damals in Nordafrika stand.(…) Und als die „drüben“ (…) endlich die Taktik des Wüstenkrieges ebensogut beherrschten wie die Rommel – Soldaten, standen die „Afrikaner“ den immer aussichtloser werdenden Kampf anständig durch bis zum bitteren Ende.“

( J. Macksey, Das Afrika Korps )

Der Wirt des Mirker Bahnhof staunte nicht schlecht, als sich am Freitag den 20. Januar sich kurz vor Beginn der Jahreshauptversammlung der „Kreiskameradschaft des Deutschen Afrika Korps“ Demonstranten vor seiner Gaststätte sammelten. Auf Spruchbändern und Flugblättern wurde das aufgegriffen, was Kurt Tucholsky 1931 und kürzlich das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil bestätigte: Hitlers Soldaten sind Mörder. Die Veteranen verstanden die Welt nicht mehr, als ihnen von den etwa 20 Demonstranten der Weg ins Tagungslokal versperrt wurde. Waren sie doch über 50 Jahre der wohlgelittene Teil der deutschen Wehrmacht gewesen, brauchten sich doch die „Wüstenfüchse im Gegensatz zu ihren „Kameraden“ von der Ostfront nicht in der Öffentlichkeit zu verstecken. Im Gegenteil, der angeblich „saubere Krieg“ in Nordafrika war sogar Bestandteil der Traditionspflege der Bundeswehr. Zu Unrecht wie historische Untersuchungen belegen: Danach ist schon die Figur des Oberfehlshabers Rommel inklusive seiner „legendären Panzerarmee“ Produkt des Reichspropagandaministeriums von Joseph Goebbels. In der „schweren Zeit des russischen Winters“ hatte die Naziführung großes propagandistisches Interesse an Rommels Wüstenarmee, der Generalfeldmarschall avancierte sogar als „Wüstenfuchs“ zum nationalsozialistischen Volkshelden. Im Propaganda-Schatten der „ruhmreichen “ Rommelarmee mordeten währendessen ihre Kameraden an der Ostfront. Das geschichtliche Wissen um die Verstrickung der gesamten Wehrmacht in die nationalsozialistische Vernichtungs- und Ausrottungspolitik hat aber nicht dazu geführt, das Verbände wie der Verband Deutsches Afrika Korps oder sogar die Veteranenverbände der Waffen SS ins politische Abseits der BRD gerieten.
Vergessen bis heute ist aber der Widerstand innerhalb der Naziwehrmacht jenseits der „Männer vom 20.Juli. Vergessen sind auch die Widerstandsversuche in Rommels Armee, an die es sich zu erinnern lohnt. Wer weiß schon, das Angehörige der 999 Strafbatallione in Nordafrika Kriegsgerät sabotiert haben. Wer kennt die Zahlen der deutschen Soldaten, die in Nordafrika bei der ersten Gelegenheit zum „Feind“ übergelaufen sind. Was bleibt, sind die Namen der standrechtlich erschossenen Soldaten aus Rommels Armee, die die deutsche Militärjustiz ordentlich protokollierte.
Die Herren von der Kreiskameradschaft Wuppertal erinnern sich an diese Menschen nicht. Ihr Interesse ist es, sich heute nachmittag zu treffen, wie jeden Monat seit dreißig Jahren. Die herbei telephonierten Polizisten machen ihnen diesmal den Weg frei.
Für den nächsten Monat rufen verschiedene antifaschistische Gruppen erneut zu einer Gegenkundgebung vor dem Mirker Bahnhof auf. Parallel dazu sollen in einem offenen Brief die Vereine und Gewerkschaftsgruppen, die sich (noch) im Mirker Bahnhof treffen, aufgefordert werden, das Lokal zu meiden.

Das Massaker am Wenzelnberg

Das Gestapo-Massaker vom Wenzelberg ist auch nach 52 Jahren ungesühnt.
Gedenkveranstaltung am Wenzelnberg

Am vergangenen Sonntag trafen sich hunderte von Antifaschisten zu einer Gedenkstunde für die Opfer des Gestapo-Massakers am Wenzelberg . Die Stadt Remscheid hatte dieses Jahr die Veranstaltung organisiert.Was an diesen letzten Kriegstagen am Wenzelberg in der Nähe von Solingen geschah, ist Dank der Aufzeichnungen von Karl Bennert von der VVN Solingen noch gut rekonstruierbar. Er nennt die Namen der Täter und schildert an Hand von Dokumenten den Ablauf des letzten Verbrechens der Wuppertaler Gestapo. Es ist die Geschichte eines verdrängten, nach wie vor ungesühnten Massenmordes , begangen von den Gestapoleuten der Außenstelle Wuppertal in Zusammenarbeit mit der Wuppertaler Schutzpolizei . Die Opfer waren Antifaschisten aus den bergischen Städten, russische und polnische Zwangsarbeiter und soziale Gefangene, die die Nazis für kriminell und todeswürdig genug hielten
3 Tage vor Kriegsende, vor dem Einmarsch der Amerikaner, wurden diese Menschen aus dem Zuchthaus Lüttringshausen und aus dem Gefängnis in Wuppertal- Bendahl geholt. Auf dem Weg nach Wuppertal machte der Gefangenentransport auch noch in Ronsdorf in dem dortigen Polizeigefängnis Station.Vier junge sowjetische Zwangsarbeiter, die wegen Feldfruchtdiebstahl einsaßen, wurden ebenfalls aufgeladen. Mit geschlossenen Lastkraftwagen, begleitet von Fahrzeugen der Wuppertaler Schutzpolizei, wurde das menschliche „Schlachtvieh“ zum Wenzelberg gebracht. Dort waren schon alle nötigen Vorbereitungen getroffen: Die Gestapo-Beamten Hufenstuhl und Beine begaben sich in Begleitung der Solinger Gestapomänner Burmann und Vogel in die Ohligser Heide, um einen günstigen Platz für das Verbrechen ausfindig zu machen
Burmann und Vogel wurden duch Hufenstuhl beauftragt, eine Grube ausheben zu lassen, deren Maße genau festgelegt wurden. Da dem Gestapo-Mann Vogel wegen der „ungünstigen“ Lage des Platzes Bedenken kamen, ließ er sich durch den Polizeileutnant Dreyer eine „besser geeignete Stelle“ nennen.
Die „passende“ Stelle fanden sie in der Wenzelbergschlucht, dort mußten ausländische Zwangsarbeiter eine große Grube ausheben. Das Gelände ist weithin abgesperrt, Hilfskräfte, u.a. Angehörige des Sicherheitshilfsdienstes und der Wuppertaler Schutzpolizei sorgten dafür, daß es keine ungebetenen Zeugen für das Folgende gab. „Die Gefangenen müssen aussteigen und werden den Hügel hinangetrieben. Einige von ihnen können nicht gehen, sie müssen von anderen gestützt werden. Einer hat nur ein Bein und schleppt sich mit seinen Krücken durch den tiefen Sand. An der Grube angekommen, müssen sich die Opfer zu zweit hinknien, worauf sie durch Genickschuß getötet werden, darauf die Nächsten und so fort. Die Exekution dauert etwa eine Stunde. Anwohner berichten von entsetzlichen Schreien, unterbrochen von Pistolenschüssen. Die am Verbrechen beteiligten, schaufeln die Grube zu, ein Kommando wird beauftragt, letzte Spuren zu verwischen.“

Die Mörder vom Wenzelberg sind nie zur Rechenschaft gezogen worden, obwohl Antifaschisten schon frühzeitig die Namen der Täter veröffentlichten. Mit Ausnahme von Kriminalrat Hufenstuhl, dem berüchtigten Leiter der Gestapoaußenstelle Wuppertal, der sich nach dem Einmarsch der Amerikaner im Bergischen versteckte und der sich, so steht es zumindest in den Akten, selbst am 24.5.45 erschossen hatte, sind die anderen Mörder in Frieden gestorben oder leben noch unter uns. Mit falschen Namen im Altersheim oder mit Staatspensionen als altgediente Polizisten. Die Spuren der Wuppertaler Gestapoleute verlieren sich keineswegs nach dem Krieg. Bis auf Theodor Goeke, der sich rechtzeitig absetzte und offiziell nicht mehr auftaucht, kehren die am Massaker vom Wenzelberg beteiligten Beamten nach Wuppertal zurück . Sie alle waren schnell aus den Internierungslagern der Allierten entlassen und entnazifiziert worden. In den Adressbüchern dieser Zeit sind sie allesamt als Kriminalbeamte im Ruhestand erwähnt und bezogen Pensionen.
Strafrechtlich hatte keiner der Täter etwas zu befürchten. Die Justiz der BRD hatte wenig Interesse an der Strafverfolgung in diesem Fall. Und natürlich war die Beweislage schwierig, besonders weil die Ermittlungen viel zu spät einsetzten. Dazu kam noch, daß keiner der Akteure von damals sich – logischerweise – zur eigenen Mordtat bekannte, und auch unabhängige Zeugen waren nicht mehr aufzutreiben. Die Strategie der Beteiligten ging auf: Gemordet haben immer die anderen. Sie selber waren nur „behilflich“, haben nur die geeignete Grube ausheben lassen, nur die LKWs gefahren oder „nur“ abgesperrt, nur die Schüsse gehört, auf obersten Befehl gehandelt.. Der einzige, den sie alle belasteten, war der flüchtige, für die Justiz nicht greifbare Leiter des Exekutionskommandos Theodor Goeke.




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