„Von heute an gehörst du zu denen, die sich wehren….“

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Henny Dreifuss

Mein Weg in die französische Résistance

Bei uns waren Geburtstage Familientreffen. Der Zufall wollte es, dass mein Onkel Fritz an
einem 30. Januar geboren wurde. Am 30. Januar 1933 kam es zu einem gewaltigen Familienkrach.
Mein Vater, ein Sozialdemokrat, sehe nur schwarz, war die einhellige Meinung.
Man müsse erst mal abwarten. Dieser Hitler würde sich schon abwirtschaften. Mit
den Juden, das könne doch nicht so schlimm werden. Und für die Familie schon gar
nicht, schließlich seien alle Brüder, bis auf den jüngsten, Soldat im Weltkrieg gewesen.
Am selben Tag erlebte ich noch abends mit meinen Eltern und meinem Bruder hinter den
unbeleuchteten Fenstern unseres Wohnzimmers den Fackelzug der Nazis. Wenige Tage
später sagte mir meine Freundin, wir waren neun Jahre alt, sie werde nicht mehr mit mir
spielen. Ich erinnere mich an den ersten plakativen Boykott jüdischer Geschäfte, an die
Aufregung im Elternhaus über die Bücherverbrennung und die Verhaftung von Freunden.
Wie gingen bereits 1933 in die Emigration nach Frankreich. Aus politischen Gründen. Die
jüdische Herkunft spielte dabei eine untergeordnete Rolle; sie holte uns später ein. Die
Jahre bis 1939 waren geprägt vom Verlust der Heimat – ich war ein Ausländerkind geworden
- von der Arbeitslosigkeit der Eltern, von vielen Ungewissheiten, die unser Leben
betrafen, aber auch von den politischen Verhältnissen in Deutschland und dem Schicksal
unserer Verwandten. Im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten unterstützten wir die spanische Republik. Den Sieg Francos haben wir mit Entsetzten erlebt. Es war ein düsteres Anzeichen. Dennoch konnten wir uns im September 1939 nicht vorstellen, dass 10 Monate später die Hitlertruppen Frankreich überfluten und am 22. Juni 1940 Pétain einen Waffenstillstand unterzeichnen würde, in dessen Artikel 19 die Verpflichtung stand, in Frankreich lebende Deutsche auszuliefern, was die Vichy-Regierung auch bereitwillig tat. Dieser Juni 1940 war wie eine Mausfalle.
Zehntausende von Hitlergegnern, Spanier und vor allem Deutsche, die in den Internationalen
Brigaden in Spanien gekämpft hatten, waren bereits vor dem Krieg, nach Überschreiten
der französischen Grenze unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert
worden.1939/40 kamen tausende Männer und Frauen, politische und rassische Flüchtlinge
als angeblich feindliche Ausländer dazu.
Ich arbeitete zu dieser Zeit in einem Kinderheim in Limoges. Die Helferinnen gehörten
fast alle zu den politisch und rassisch Verfolgten. Die Kinder waren Emigrantenkinder. Sie
hatten fast alle schon viel mitgemacht: Verfolgung, Krieg, Entbehrungen, weil ihre Eltern
sich verstecken mussten, verhaftet waren oder keine feste Bleibe fanden.
Aber es kam noch schlimmer: Am 22./23. Oktober 1940 wurden 6.504 badische und pfälzische
Juden in das berüchtigte Lager Gurs deportiert, darunter viele Kinder. Es war ein
auf Schlamm erbautes Barackenlager am Fuß der Pyrenäen. Es ist uns gelungen, Kinder
aus Gurs herauszubekommen. Ich habe dort Kinder abgeholt, selbst das ganze Elend
gesehen. Die Kinder waren schwach, unterernährt und verlaust. Die Trennung war für die
Kinder und die Eltern schrecklich gewesen. Später kamen die meisten badischen und
pfälzer Juden nach Rivesaltes, ebenfalls am Fuß der Pyrenäen, aber mit Schienenanschluss,
und von dort 1942 nach Auschwitz. Aber vor dem Abtransport der Eltern holte
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die Polizei bei Nacht und Nebel die Kinder in unserem Heim in Limoges aus den Betten,
um sie mit den Eltern zu deportieren, mit deutscher Gründlichkeit.
Das war die Zeit, in der wir dazu übergingen, Kinder in französischen Familien zu verstecken.
Die Hilfsbereitschaft war groß. Den Kollaborateuren und Denunzianten, den Feiglingen
und Gleichgültigen standen die unendlich Vielen gegenüber, die halfen, selbstlos
und mutig. Meine Großmutter, die kein Wort französisch sprach, war in einem Kloster bei
Nonnen versteckt. Diese wahrhaft heiligen Frauen hatten eine ganze Anzahl älterer Menschen
jüdischer Herkunft aufgenommen. Nie haben sie auch nur eine Frage gestellt.
Auch nicht an mich, wenn ich die Großmutter besuchte. Das war kein Einzelfall.
Das Jahr 1942 war schrecklich. Eine Razzia jagte die andere. Die Deportationen liefen
bereits auf Hochtouren. Ich habe die Züge nach Osten fahren sehen, überfüllt mit verzweifelten
Menschen, die einzig und allein ihrer jüdischen Herkunft wegen in den Tod
verfrachtet wurden. Immer drängender stellte sich die Frage: Verstecken? Schicksalsergeben
warten? Abwechselnd hoffen und resignieren? Oder etwas gegen den Faschismus
tun? Entscheidungen, die je nach persönlichen Möglichkeiten, aber auch nach dem politischen
Hintergrund auf jeden einzelnen zukamen. Dabei muss man bedenken, dass viele
jüdische Emigranten sich nie zuvor politisch betätigt hatten.
Ich kam aus einer Familie, in der Politik kein Tabu war. Im Kinderheim arbeitete ich mit
Kommunistinnen zusammen und habe mich unter anderem an der Solidarität für die eingesperrten
Spanienkämpfer beteiligt, habe zusammen mit einer polnischen jüdischen
Genossin etwa drei Monate eine österreichische Genossin, die von der Gestapo gesucht
wurde, in unserem kleinen Zimmer versteckt. Die Razzia, bei der es auch mich treffen
konnte, lag in der Luft.
Die französische Widerstandsbewegung war zu einer beachtlichen Kraft geworden. Auch
die deutschen Antifaschisten, vor allem die Kommunisten, begannen bereits 1940 mit der
Organisierung ihres Widerstandes. Sie waren Teil der nach Sprachgruppen organisierten
ausländischen Emigranten und Arbeiter, die in Frankreich lebten. Unterstützt von der FKP
und mit ihrer Hilfe wurden viele Probleme gelöst, für die uns die Verbindungen fehlten
und bei denen wir Ausländer aufgefallen wären. Mein Weg führte über die Kommunistinnen,
mit denen ich im Kindergarten zusammengearbeitet hatte, zur Résistance. Nicht
ganz neunzehn Jahre alt fuhr ich im Januar 1943 von Limoges als Henny Dreifuss ab und
kam in Lyon als Marguerite Barbe an.
Es lag nahe, dass die antifaschistische Tätigkeit der Deutschen und Deutschsprachigen
besonders auf die Okkupationstruppen ausgerichtet wurde. Kannten wir doch ihre Sprache,
ihre Mentalität und wussten auch, dass nicht alle Hitleranhänger waren. Ich werde
nie das Gefühl vergessen, das ich nach dem Ankleben des ersten „Spuckzettels“ hatte:
Von heute an gehörst du zu denen, die sich wehren. Wenn du sterben musst, dann nicht
mehr umsonst.
Unsere auf die Besatzungstruppen orientierte Arbeit wurde verstärkt, als sich in Frankreich
im September 1943 (in der UdSSR im Juli 1943) das Komitee „Freies Deutschland“
für den Westen gründete. Neue Mitstreiter unterschiedlicher Weltanschauung kamen
hinzu; teils nicht-kommunistische Emigranten, teils Wehrmachtsangehörige. Es war nicht
immer einfach, persönlichen Kontakt zu den Besatzungssoldaten herzustellen. So unauffällig
wie möglich mussten die Gespräche angeknüpft werden. Das war für Frauen leichter
als für Männer. Zusammen mit einer Genossin (nie alleine) gingen wir in Lyon zum
Beispiel in ein Kaufhaus und waren „zufällig“ da, wenn es Sprachschwierigkeiten gab. Es
ging darum, Verbindungen zu bekommen, damit illegale Flugblätter und Zeitungen verteilt
und antifaschistische Gruppen innerhalb der Wehrmacht gebildet werden. Um die Stimmung
zu kennen – das war wichtig für die Herstellung der Materialien – haben einige von
uns, auch ich, bei einer Wehrmachtsstelle gearbeitet.
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Unser Ziel war vor allem:
Schluss mit dem Krieg. Schluss mit der deutschen Besatzung. Bestrafung der Kriegsverbrecher.
Schaffung eines demokratischen Deutschland.
Es war eine schwierige Zeit, mit vielen Aufregungen und Ängsten, die man sich nicht
anmerken lassen durfte, eine Zeit, die ständiger Aufmerksamkeit bedurfte, musste man
doch jeden Tag erneut in die falsche Identität schlüpfen. Aber es gab auch Hoffnungen,
vor allem nach Stalingrad, da waren wir sicher, dass dieser Krieg das Ende des Faschismus
bringen würde. Nie hätte ich damals gedacht, dass Klaus Barbie, der Schlächter von
Lyon, erst 43 Jahre später vor einem französischen Gericht stehen würde. Nie hätte ich
damals gedacht, dass Lammerding, der Kommandeur der SS Division „Das Reich“, der
für seine Mordtaten in Tulle und Oradour-sur-Glane von einem französischen Gericht in
dessen Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, bis zu seinem Lebensende als Bauunternehmer
unbehelligt in Düsseldorf tätig sein könnte.
Die Befreiung erlebte ich in Lyon. Es waren bewegende Tage, aber auch Stunden der
Trauer um diejenigen, die nicht mehr dabei sein konnten, und von Ungewissheit über das
Schicksal der Familie. 1945 kehrte ich nach Deutschland zurück. Ich war Mitglied der
KPD geworden. Meine Eltern waren in Auschwitz, mein Bruder in Maidanek umgekommen.
Meine Großmutter wollte keinen Fuß mehr auf deutschen Boden setzen.
Henny Dreifuss, geboren 1924, lebte bis zur Emigration in Mannheim. Nach ihrer Rückkehr
war sie viele Jahre in Düsseldorf journalistisch tätig. Sie engagierte sich in der IG
Druck und Papier und war von 1972 bis 1985 als Landesfrauenleiterin ehrenamtlich aktiv
sowie Mitglied des Landesbezirksvorstandes NRW. Seit 1984 ist sie Rentnerin.





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