Mahlzeit Mittenwald

Angreifbare Traditionspflege / Neue Folge
AK Keine Ruhe den NS-Tätern

Pressemitteilung

„Man muss sich schon fragen, in welchem Milieu solche menschenunwürdigen Entgleisungen gedeihen können.“ (DPA)

Wie man der Presse entnehmen konnte, seien vor allem ehemalige Gebirgsjäger bzw. Gebirgsjäger-Reservisten verantwortlich für die jetzt bekannt gewordenen menschenverachtenden Traditionsrituale in Mittenwald. Das ist wahrlich kein Zufall, sondern die traditionsreiche Form von soldatischen Männerbünden nicht nur in Mittenwald.
Aktive Bundeswehrsoldaten organisieren sich seit über 50 Jahren im sog. Kameradenkreis der Gebirgsjäger mit ehemaligen Gebirgsjägern der Wehrmacht und pensionierten Bundeswehroffizieren.
Die widerwärtigen Aufnahmerituale der Mittenwalder Gebirgsjäger fallen nicht vom Himmel, sondern verweisen – einmal mehr- auf die noch widerwärtigere Traditionspflege der Bundeswehr in Mittenwald. Die Liste der Skandale in Mittenwald und in den anderen Gebirgsjägergarnisonen ist lang: Foltervideos, Naziorden und Hitlergrüße, der Totenkopfskandal von Oktober 2006 und seit 57 Jahren das NS-Kriegsverbrechertreffen auf dem Hohen Brendten.

Die Mittenwalder Soldaten der Bundeswehr, die seit einigen Jahren die deutschen Kriegseinsätze in aller Welt als selbst ernannte Elitetruppe anführen, werden seit über 50 Jahren von diesen Kriegsverbrechern sozialisiert. Nach wie vor sind in diesem Traditionsverein Wehrmachtssoldaten, Waffen-SSler und Gebirgsjäger-Polizisten organisiert, die nachweislich an Massakern und an Deportationen von Jüdinnen und Juden beteiligt waren. Selbst der kürzlich wegen Mordes an italienischen Zivilisten verurteilte Kamerad Scheungraber dürfte noch Mitglied sein. Auf Kameradschaftsabenden und in der Vereinspostille „Gebirgstruppe“ haben sie jahrzehntelang ihre „Erfahrungen mit den hinterhältigen Partisanen“ ungestört an künftige Generationen von Gebirgsjägern weitergeben dürfen und gleichzeitig ihre Beteiligung an Massakern und an der Ermordung von Jüdinnen und Juden geleugnet.
Ein zentraler Ort dieser speziellen Gebirgsjäger-Sozialisation ist die jährliche Brendtenfeier. Seit 1957 treffen sich jährlich greise Gebirgsjäger-Kameraden der Wehrmacht und Waffen-SS im Schulterschluss mit ihren Bundeswehrnachfolgern im bayerischen Mittenwald. Trotz der stark rückläufigen Teilnehmerzahl ist es die letzte größere soldatische Feier Deutschlands. Von einer Bundeswehrkapelle begleitet, findet unter den Fahnen revisionistischer und faschistischer Organisationen – u.a. der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger – ein ökumenischer Feldgottesdienst statt.
Da die Strafverfolgung der deutschen Justiz im Schneckentempo arbeitet und die deutschen Täter trotz Urteilen in Italien nicht ausgeliefert werden, treiben sich am Hohen Brendten in Mittenwald – nach wie vor – die Veteranen der 1., der 5., der 157. und der 188. Gebirgsdivision, der Waffen-SS Nord und des SS-Gebirgsjägerpolizeiregiments 18 herum, die für zahlreiche Massaker auf Kephallonia, Korfu, Kreta, im Vercors, in Kommeno und Camerino und für die Deportationen der Athener (Jüdinnen und) Juden nach Auschwitz verantwortlich sind.

Übrigens, auch der flinke Verteidigungsminister zu Guttenberg, der sich (noch) mit seiner Verbundenheit mit den Mittenwalder Gebirgsjägern brüstet, sollte jetzt mal genauer hinschauen. Wenn er im Frühjahr zu seinem lange angekündigten Truppenbesuch bei den Gebirgsjägern in Mittenwald erscheint, sollte er nicht nur aus Gesundheitsgründen für einen anderen Umgang seiner Rekruten sorgen.
Einen besonderen Augenmerk sollte von Guttenberg auf die von der Bundeswehr unterstützte diesjährige Brendtenfeier legen. Das Treffen der Waffen-SSler und Gebirgsjäger-Massaker-Veteranen soll ausgerechnet am 8. und 9. Mai 2010 unterm Karwendel stattfinden.
Das ist bekanntlich der 65. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus, der in aller Welt in Erinnerung an die Millionen Opfer des deutschen Vernichtungskrieges und der Shoah gefeiert wird.

Da könnte Guttenberg auch von seinem österreichischen Amtskollegen Darabos lernen. Der hatte vor vier Jahren den Angehörigen des österreichischen Bundesheeres die Teilnahme an dieser nazistischen Veranstaltung in Mittenwald verboten. Letztes Jahr entzog er endlich auch dem SS-Veteranentreffen am Ulrichsberg die militärische Unterstützung.

Schluss mit der NS-Traditionspflege in Mittenwald!

Kein NS-Kriegsverbrechertreffen am 8./9.Mai 2010 in Mittenwald

Keine Unterstützung für NS-Kriegsverbrecher durch die Bundeswehr!

Vom Ulrichsberg lernen heißt siegen lernen!


4 Antworten auf „Mahlzeit Mittenwald“


  1. 1 Administrator 12. Februar 2010 um 13:30 Uhr

    Rohe Schweineleber und Alkohol bis zum Erbrechen

    Seltsam…erst letzte Woche habe ich auf das wunderbare Pol(i)t-Satire-Stück “1705″ aufmerksam gemacht – und als hätte ich es geahnt, machen die Gebirgsschützen des beschaulichen Örtchens Mittenwald mal wieder auf sich aufmerksam:

    Bundeswehr-Rekruten mussten sich offenbar “entwürdigenden Ritualen” unterziehen. Ein ehemaliger Soldat erhebt schwere Vorwürfe gegen seine Kameraden und reichte Beschwerde beim Wehrbeauftragten des Bundestages, Reinhold Robbe, ein.

    Rekruten mussten demnach bis zum Erbrechen Alkohol trinken und rohe Schweineleber essen, um in einer internen Hierarchie aufzusteigen. Dem Brief zufolge existiert bei den Gebirgsjägern des Bataillons 233 unter den Mannschaftsdienstgraden schon seit den achtziger Jahren eine interne Hierarchie, genannt “der Hochzugkult”. In diesem sei man zunächst drei Monate “Fux” und müsse für die “Cheflage” spülen und putzen.

    Aufsteigen könne man nur, wenn man verschiedene Aufnahmerituale bestehe. So musste sich der Soldat, der die Beschwerde einreichte, im Sommer 2009 zwei Tage lang außerhalb der Dienstzeit anstrengenden Prüfungen stellen und dabei große Mengen Alkohol trinken. Dabei würden Soldaten auch gezwungen, rohe Schweineleber und Rollmöpse mit Frischhefe zu essen. Die Frischhefe bewirke, dass sich die Betroffenen innerhalb kürzester Zeit heftig übergeben mussten. Auch seien Soldaten gezwungen worden, sich vor Kletterübungen vor den versammelten Kameraden zu entkleiden.

    Robbe berichtete dem Verteidigungsausschuss des Bundestags in einem Brief und sprach von Aufgaben, die zum Teil “als erniedrigend und herabwürdigend” anzusehen seien. Dem Radiosender NDR Info sagte der Wehrbeauftragte, er befürchte, dass es seit Jahrzehnten zu solchen Vorfällen gekommen sei. Es handele sich offensichtlich um einen Fall von größerer Dimension. Ob Vorgesetzte involviert waren, sei aber noch unklar. Die Bundeswehr habe die Vernehmung der möglichen Beteiligten noch nicht abgeschlossen. Nach bisherigen Ermittlungen ereigneten sich die Vorfälle nicht während der Dienstzeit und außerhalb der Kaserne.

    (SPIEGEL Online)

    Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft – und unser “werter” Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, selbst ein ehemaliger Gebirgsschütze, meldet sich auch prompt zu Wort:

    “Aufklären, abstellen und Konsequenzen ziehen.” – so Guttenberg im ZDF.

    Der Skandal ist groß – und keiner will etwas von diesen Ritualen gewußt haben.

    Wer´s glaubt, wird selig…

    Dabei dürfte der Hang der Mittenwalder Gebirgsjäger zur “Traditionspflege” bereits längst bekannt sein:

    Jedes Jahr richtet der „Kameradenkreis der Gebirgstruppe e.V.“ Gedenkfeierlichkeiten für gefallene Soldaten an einem eigens dafür errichteten Ehrenmal auf dem Hohen Brendten aus. Die so genannte Brendtenfeier gilt auch als Deutschlands größte Soldatenfeier. Allerdings finden seit 2002 auch zeitgleich Gegenveranstaltungen der “Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) sowie zahlreicher anderer, überwiegend linker, Gruppierungen statt. Die Gegner dieser Veranstaltung werfen dem Kameradenkreis vor, die im Zweiten Weltkrieg verübten Verbrechen (an italienischen Soldaten und Zivilisten) gänzlich auszublenden, sie zu leugnen oder sogar gut zu heißen.

    Viele dieser Kriegsverbrecher finden sich alljährlich zur Brendtenfeier ein – und nicht selten werden die Gegendemonstranten dieser Veranstaltung von den mittlerweile stark ergrauten Gebirgsjäger-Veteranen beschimpft und bedroht. Da kann es dann auch schon mal passieren, dass ein etwas älterer, ehemaliger Soldat seinen Gehstock erbost in die Höhe schwingt.

    Freilich lässt sich hier nun einwerfen, dass die Gräueltaten der Großväter-Generation nichts mit dem nun zu verhandelnden “Hochzugkult” heutiger bajuwarischer Soldaten zu tun haben – dennoch drängt sich mir der Gedanke auf, dass die nun in der Presse diskutierten mittenwäldschen Gebirgsjägertraditionen keineswegs als eine soldatische (oder gar nur bajuwarische) Ritual-Ausnahmeerscheinung angesehen werden dürfen. Außerdem: Nach oben kriechen und nach unten treten – das lernt man halt auch bei der Bundeswehr. Und leider nicht nur da. Eigentlich immer dort, wo Menschen Macht auf andere ausüben können. Und das wird dann als Kult bezeichnet – im schlimmsten Falle sogar als Kultur. Ein Unrechtsbewußtsein scheint bei einigen Wehrpflichtigen da schon aus “traditioneller Verantwortung” heraus gänzlich abhanden gekommen. Und wer ein “richtiger Mann” sein will, der muß hat auch was aushalten können, nicht wahr?

  2. 2 Administrator 12. Februar 2010 um 13:56 Uhr

    Veröffentlicht auf hpd (http://hpd.de)

    Gebirgsjäger im Licht

    Tomas Häntsch
    Kommentar

    MITTENWALD. (hpd) Seit einigen Tagen kann man lesen und hören, dass es im Gebirgsjägerbataillon 233 [1] erniedrigende Übergriffe unter den Mannschaften gegeben haben soll. Sämtliche Medien berichten von diesen Vorgängen, die nun sowohl von den zuständigen Stellen der Bundeswehr als auch von der Staatsanwaltschaft untersucht werden.

    Ein Kommentar zu den Vorgängen in der Edelweiß Kaserne

    Anders als beim Skandal in einer Coesfelder Kaserne [2] der nun erneut verhandelt wird, stehen die skandalösen Vorgänge in Mittenwald nicht im Zusammenhang mit der Ausbildung. Das Schikanieren von jungen Rekruten ist allgegenwärtig und das nicht nur in der Bundeswehr. Alle Armeen der Welt liegen im Dunstkreis von Befehl und Gehorsam. Auch bei der Bundeswehr verliert der Rekrut einen Teil seiner Grundrechte [3], daran ändert auch die Verwurzelung der Armee im Rechtstaat nichts.

    In der Nationalen Volksarmee machten sich die drei Diensthalbjahre untereinander das Leben schwer. Unter anderem wurden Soldaten von Dienst Älteren in einen Besenschrank gesteckt und mussten, immer wenn einer eine Münze einwarf, singen. Musikbox nannte sich dieser „Spaß“. Es wurden weitere Rituale [4] erfunden, die nicht selten mit Verletzungen endeten. Auch Todesfälle soll es gegeben haben, doch Beweise darüber finden sich kaum. Im russischen Militär [5] gibt es dagegen amtlich beglaubigte Suizide, die auf Drangsalierung unter den Mannschaftsdienstgraden hinweisen.

    Man könnte die Liste noch weiter fortsetzen und Beispiele bringen, die zeigen, dass es sich bei den Vorgängen von Mittenwald um ein global-militärisches Problem [6] handelt.

    Militärischer Drill und Gehorsam lassen sich mit humanistischen Gedankengut nicht vereinbaren. Im Militär zählt nur die Härte. Das wird den Rekruten schon während der Grundausbildung eingebläut. Wer diese Härte nicht hat oder nicht in der Lage ist, Hartherzigkeit vorzugaukeln, der gerät zuerst in Gefahr, zum Spielball menschenunwürdiger Rituale zu werden.

    Das Gebirgsjägerbataillon 233 im oberbayrischen Mittenwald ist zudem eine Truppe für extra harte Jungs, denn Gebirgsjäger gelten gemeinhin als Elitesoldaten [7]. Bekannte Politiker wie Edmund Stoiber sowie der jetzige Verteidigungsminister, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), leisteten in diesem Bataillon den Grundwehrdienst ab. Von derartigen Praktiken will der Minister aber nichts wissen und fordert: „Aufklären, abstellen und Konsequenzen ziehen [8].“

    Das ist richtig so, doch werden diese Praktiken nicht einfach so verschwinden, sie werden sicherlich nur noch verborgener durchgeführt. Dem Ansehen der „Edelweiß Kaserne“ wird das einen weiteren Fleck auf die bereits schmutzig geworden Alpenblume bescheren. Denn nicht zum ersten Mal steht das Bataillon im Blickpunkt der kritischen Öffentlichkeit. Immer dann, wenn die „Alten Kameraden“ zum Pfingsttreffen [9] aufmarschieren und der „Heldentaten“ von Gebirgsschützen im 2. Weltkrieg gedenken, wird das beschauliche Örtchen zum Kampfgebiet [10] zwischen den Gestrigen und Gegendemonstranten.

    Die Bundeswehr ist bemüht, sich zurückzuhalten, wenn diese Festgepränge stattfinden, schafft aber nicht einmal das so ganz, obwohl Zurückhaltung der heuchlerische Weg ist. Es gibt nur einen Weg, wie Herr zu Guttenberg schon sagte: „Aufklären, abstellen und Konsequenzen ziehen.“ Denn das Leugnen und Verschweigen, ja das Verehren von Kriegsverbrechen ist eine quasi geistige Entwürdigung der Opfer von damals und diese steht der der körperlichen in keiner Weise nach.

    Es gibt also viel zu tun in der Edelweiß-Kaserne und in der gesamten Bundeswehr.

    Hoffentlich packt es jemand an.

    Thomas Häntsch

    Quellen-URL: http://hpd.de/node/8811

    Verweise:
    [1] http://www.gebirgsjager.de/htm/ww38.htm
    [2] http://www.welt.de/politik/deutschland/article5007172/Bundesgerichtshof-rollt-Coesfeld-Prozess-neu-auf.html
    [3] http://www.jungdemokraten.de/archiv/blatt/bl-01-98/bjugof05.htm
    [4] http://home.snafu.de/veith/rituale.htm
    [5] http://de.rian.ru/russia/20100210/125062741.html
    [6] http://www.wdr.de/radio/wdr2/mima/546966.phtml
    [7] http://politik-gesellschaft-deutschland.suite101.de/article.cfm/die_deutschen_gebirgsjaeger
    [8] http://www.dw-world.de/dw/article/0,,5234070,00.html
    [9] http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2003/erste8216.html
    [10] http://tobiaspflueger.twoday.net/stories/672876/

  3. 3 Administrator 14. Februar 2010 um 15:28 Uhr

    Kameradschaft mit Kriegsverbrechern von gestern und heute

    Der neue Kriegsminister, Soldatenehre und die Traditionspflege der Bundeswehr

    Mechthild Exo und Inge Höger

    „Für ein Bekenntnis zu unserer Bundeswehr, auch und gerade zu einer solchen im Einsatz, muss man sich in diesem Lande wirklich nicht schämen.“ Mit diesem Satz trat am 11. November 2009 Dr. Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg seine Zeit im Bundestag als Kriegsminister an. Zwei Monate zuvor haben über 140 Menschen, in der Mehrzahl wahrscheinlich Zivilisten, einen solchen Einsatz in Kooperation mit der US-Luftwaffe in der Nähe von Kunduz nicht überlebt – doch die Beschämung dafür war zu diesem Zeitpunkt noch kein Thema. In seiner Rede zitierte zu Guttenberg auch aus dem Eid der Bundeswehrsoldaten, die damit schwören „tapfer [Recht und Freiheit] zu verteidigen“ und „treu zu dienen“. Er redet von der Aufgabe der Soldaten „sich der Gefahr zu stellen“ und „ihr Leben für uns zu opfern“, „wenn wir die Bundeswehr in ihre bisweilen gefährlichen Einsätze entsenden“. So manchen Abgeordneten mit antimilitaristischer Haltung schauderte es bei diesem Auftritt. Schlimmes muss befürchtet werden, gerade auch für die Arbeit im Verteidigungsausschuss. Solch ein militaristisches Auftreten im Parlament durch Sprache und Körperhaltung, solche Worte des stolzen und fordernden Eintretens für bewaffnete Auslandseinsätze, solche Einstimmung auf bestehende und zukünftige Kriegsführung sind ein großer Sprung voran in der bereits bekannten Entwicklung Deutschlands zur Kriegsführung – für Zugang zu Rohstoffen und Energieressourcen, für sichere Handelswege und die Kontrolle von Migrationsbewegungen und Aufständen.

    Herr zu Guttenberg stellte auch gleich klar, dass von Kriegsverhältnissen in Afghanistan gesprochen werden kann, auch wenn die völkerrechtliche Lage sich davon unterscheide. Damit weist er die Richtung, die er Ende November in Washington vor dem Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington so formuliert: „Deutsche Militäreinsätze müssen normaler und breiter akzeptiert werden.“ (www.ftd.de, 20.11.2009)

    Mit der Benennung von Krieg präsentiert sich zu Guttenberg sich auch als derjenige mit Verständnis für die Wahrnehmung der Soldaten im Einsatz – und versucht dies beizubehalten auch nachdem er um eine Rücknahme seiner Rechtfertigung der Luftbombardierungen auf die Zivilbevölkerung bei den Tanklastzügen nicht herum kam. In seiner Rede (03.12.2009) anlässlich der Verlängerung des ISAF-Mandates des Bundeswehr und der „Neubewertung der Vorfälle in Kunduz“ betont zu Guttenberg, deshalb „…korrigiere ich meine Beurteilung allerdings nicht betreffend meines Verständnisses von Oberst Klein, […] weshalb ich Oberst Klein nicht fallen lassen werde. Das würde sich nicht gehören.“ „Ich darf in aller Klarheit sagen, dass Oberst Klein mein volles Verständnis dafür hat, dass er angesichts kriegsähnlicher Zustände um Kunduz angesichts anhaltender Gefechte in diesen Tagen […] subjektiv von der militärischen Angemessenheit seines Handelns ausgegangen ist. Dafür hat er mein Verständnis.“ (www.bmvg.de) Wofür Minister Jung, Staatssekretär Wichert und Generalinspekteur Schneiderhan schon gestürzt wurden und was Merkel und Guttenberg in die Defensive bringt, soll für einen Befehlsgeber der Bundeswehr in „kriegsähnlichen“ Verhältnissen immer noch angemessen sein!

    Zu Guttenberg hat zuerst unter den Gebirgsjägern in Mittenwald gelernt, was sich unter Militärs gehört. Dort leistete er nach eigenen Angaben seinen Wehrdienst mit großer Zufriedenheit und habe „Kameradschaft kennen gelernt, wie ich sie in dieser Form noch nicht kannte“ – und blieb gleich Reservist. Das ehrenvolle Soldatentum – auch in historischer Kontinuität – wird bei den Gebirgsjägern besonders gepflegt. Dafür stehen diese seit Jahren in der Kritik. Die jährlichen Pfingsttreffen des Kameradenkreises der Gebirgstruppe, bei der Bundeswehrsoldaten, Wehrmachts- und SS-Veteranen zusammen kommen, machen keinen Bruch zu den Verbrechen und Verbrechern der nationalsozialistischen Kriegsführung. Im Zweiten Weltkrieg waren die Gebirgsjäger verantwortlich für zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung zum Beispiel in Griechenland, Italien und Frankreich. Zu den bis auf den heutigen Tag verfolgten Zielen des Kameradenkreises der Gebirgsjäger gehört die „Pflege der Kameradschaft im Geiste des ehrenvollen deutschen Soldatentums, die „dem Einsatz und der Hilfe für unsere Kriegsverurteilten, für unsere in Haft zurückgehaltenen Kameraden“ diene, denen man „tätige Kameradenhilfe zu beweisen“ habe. (1952 von Generalleutnant Wittmann formuliert)

    „Die Werte dieser als gemeinnützig anerkannten Selbsthilfegruppe [von Kriegsverbrecher], in der sich patriarchalische Männerbündelei, Vaterland, Nation und Kameradschaft eng mit dem Alpinismus zu einer politisch rechtsextremen Melange verbinden, werden seit mehr als 50 Jahren an die Bundeswehr weiter gegeben.“ (14.09.08, Arbeitskreis gegen angreifbare Traditionspflege)

    Die Bundeswehr unterstützt den Kameradenkreis der Gebirgsjäger durch die Bereitstellung von Räumlichkeiten für deren Archiv und für Versammlungen. Zudem spielt das Musikkorps der Bundeswehr bei den jährlichen Heldengedenkfeiern in Mittenwald. 2009 hielt der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Hans-Otto Budde eine Ansprache. Zu den beitragszahlenden Mitgliedern des Kameradenkreises zählen der bayerischen Ministerpräsident a. D. Edmund Stoiber, der derzeitige Chef der Führungsakademie der Bundeswehr, Generalmajor Wolf-Dieter Löser, sowie der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium Christian Schmidt (CSU).

    Die Gebirgsjäger stehen zusammen gegen die Aufklärung und mögliche strafrechtliche Verfolgung der begangenen historischen Massaker – zuletzt im Strafverfahren gegen den im August 2009 dann doch zu lebenslanger Haft wegen 10-fachen Mordes verurteilten NS-Kriegsverbrecher Josef Scheungraber aus Ottobrunn. Möchte Minister Guttenberg an diesen Geist anknüpfen mit seiner Rückenstärkung für Oberst Klein, der den Befehl erteilte für das erste deutsche Massaker seit 1945? Doch der öffentliche Druck setzt ihm – hoffentlich – Grenzen.

    Es gibt zahlreiche Beispiele dafür wie der Einfluss einer ungebrochenen Tradition aus der Wehrmacht in die Bundeswehr von heute nur durch engagierte Aufklärungsarbeit und Protest eingeschränkt werden konnte. Lieder und Kriegsgeschichten der Wehrmacht, die Soldaten in Kampfstimmung versetzen sollten, waren (sind?) in den Ausbildungshandbüchern der Bundeswehr abgedruckt. Erst nach ein Anfrage der Fraktion DIE LINKE und einer Sendung des Politmagazins Kontraste (09.04.2009) wurde angekündigt, die Bücher zu überarbeiten und die Texte nicht mehr einzusetzen. Auch das Handbuch „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“, die an alle in Afghanistan eingesetzten Bundeswehrangehörigen ausgegeben wird, wurde inzwischen mehrfach überarbeitet nach kritischer Offenlegung, dass der Beitrag zur nationalsozialistischen Geheimdienstarbeit in Afghanistan durch einen noch lebenden, rechtsradikalen Kreisen nahestehenden ehemaligen Angehörigen der Spezialeinheit „Brandenburger“ geschrieben wurde – selbstredend unkritisch.

    Die Spezialdivision „Brandenburg“ war eine Sondereinheit der Wehrmacht und ist bekannt für ihre verbrecherischen Methoden und Massaker insbesondere bei der Partisanenbekämpfung. Sie kämpften unter anderem in Geheimoperationen – wie in Afghanistan von 1941 bis 43 als „Unternehmen Tiger“, das eine weitere Angriffskriegsfront gegen Indien vorbereitete. Ein Angehöriger dieses Unternehmens, der Agent Dr. Manfred Oberdörffer, starb bei diesem Einsatz. Sein Grab ist mit Foto auch in der überarbeiteten Ausgabe des „Wegweiser Afghanistan“ abgedruckt. Allein der Hinweis, dass dieses Grab durch ISAF-Soldaten gepflegt wird, ist verschwunden. Die Gedenktafeln für die in Afghanistan gestorbenen deutschen ISAF-Soldaten befinden sich gleich neben dem Grab von Oberdörffer auf dem internationalen Friedhof von Kabul.

    Kommandeure heutiger deutscher Sondereinheiten aus Militär und Polizei – das Kommando Spezialkräfte (KSK) und die Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9) – sehen in der Division „Brandenburg“ ein Vorbild. Im Buch „Geheime Kriege – drei deutsche Kommandoverbände im Bild“, erschienen im rechtsextremen Verlag Pour le Merite (2006), wird diese von den Generälen a.d. Reinhard Günzel (KSK) sowie Ulrich K. Wegener (GSG 9) als traditionsstiftend für die von ihnen angeführten Spezialeinheiten bezeichnet. Günzel: „Die Kommandosoldaten des KSK wissen genau, wo ihre Wurzeln liegen. Die Einsätze der ‚Brandenburger’ […] gelten der Truppe geradezu als legendär.“ Wegener sieht vor allem „Kameradschaft und Korpsgeist der ‚Brandenburger als vorbildhaft, sowie die „unkonventionelle“ Vorgehensweise, die „Raffinesse“ und die „Fähigkeit zur Gegnertäuschung“. Terroristische Methoden und Kriegsverbrechen gehen auf das Konto der Brandenburger. Ihre Kampfweise war auch nach damaligem Kriegsvölkerrecht nicht gedeckt und schloss beispielsweise das Tragen gegnerischer Uniformen ein.

    Die Bundesregierung bleibt trotz Anfrage viele Antworten schuldig (Bundestagsdrucksache 16/14021). Aus Bundeswehrkreisen ist uns bekannt, dass im Rahmen der ISAF-Mission auf dem internationalen Friedhof in Kabul militärischen Ehrungen durchgeführt wurden, die auch die Ehrung des Wehrmachtoffiziers Oskar Ritter von Niedermayer einschloss. Dieser Herr von Niedermayer gehörte seit 1939 zum Beirat der „Forschungsabteilung Judenfrage“ am Reichsinstitut für Geschichte des Neuen Deutschlands an, das der wissenschaftlichen Untermauerung der NS-Propaganda diente. Niedermayer war seit 1937 Leiter des „Instituts für allgemeine Wehrlehre“ an der Berliner Universität. Er forschte unter anderem über den Einsatz von Sonderverbänden und er wurde selbst als Offizier zu mehreren Geheimmissionen in Afghanistan eingesetzt. Später übernahm er die Aufstellung einer Spezialeinheit, die er im Kampf gegen Partisanen im Balkan kommandierte. Im „Wegweiser Afghanistan“ des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) wird von Niedermayer hervorgehoben als Akteur für die „guten deutsch-afghanischen Beziehungen“. Auch Niedermayers Propagierung von ‚raumgreifenden’ Operationen im Orient wird geschildert. Eine Kritik sucht die aufmerksame Leserin jedoch vergeblich. Gleichwohl ist es der Bundesregierung nicht peinlich zu antworten: „Die Ausführungen zu Oskar Ritter von Niedermayer sind Teil der kritischen Darstellung der Rolle des Deutschen Reiches in Afghanistan im Zeitalter der Weltkriege“ (16/14021). Floskelhaft wird die Frage zur militärischen Ehrung abgehakt: „Die Bundeswehr gedenkt zu verschiedenen Gelegenheiten auch im Ausland gefallener Soldaten und ebenso der Opfer von Gewalt, Flucht und Vertreibung“ (ebd.). Niedermayer ist nicht in Afghanistan „gefallen“, sondern in russischer Kriegsgefangenschaft gestorben. Seine von Hitler ausdrücklich geförderte wissenschaftliche Karriere u.a. durch geheimdienstliche Forschungsaufträge können schwerlich als erbrachte Opfer verstanden werden. Warum wird er in Kabul militärisch geehrt?

    Es ist zu befürchten, dass unter der Führung des Verteidigungsministeriums durch den ehemaligen Gebirgsjäger Freiherr zu Guttenberg kaum erwartet werden kann, dass Ehrungen für an verbrecherischen militärischen Aktivitäten beteiligten Soldaten aufhören werden. Eher werden Ehrungen gegenwärtiger Verbrecher folgen. Das neue Ehrenmal der Bundeswehr wurde nur vier Tage nach dem verheerenden Luftbombardement von Kunduz eingeweiht – selbstredend nicht zum Gedenken der Opfer der Einsätze der Bundeswehr, sondern der tapferen SoldatInnen. Entsprechend wurde im Juli 2009 auch erstmalig seit dem Nationalsozialismus wieder ein Tapferkeitsorden verliehen. Eine neue Kriegermentalität – ummantelt mit dem Euphemismus des „Einsatzes für den Frieden“ – wird etabliert.

    Zum Glück treffen die Ehrungs- und Tapferkeitsveranstaltungen überall auf Widerstand: die Gebirgsjägertreffen werden seit Jahren von Protesten beunruhigt, die Feier im Bundestag anlässlich des 15. Jahrestages bewaffneter Bundeswehreinsätzen wurde gestört, die Ehrenmaleröffnung und die erste Vergabe der Tapferkeitsorden wurden mit antimilitaristischen Transparent- und Theateraktionen begleitet, die zunehmenden öffentlichen Gelöbnisse und Verabschiedungen werden gestört wie überhaupt öffentliche Werbeauftritte der Bundeswehr, die unter Rekrutierungsproblemen leidet. Es braucht eine breite, vielfältig handelnde antimilitaristische Bewegung. Ein Verteidigungsminister, der einer Strafermittlung vorweg greift und einen Kameradengeist pflegt, indem er den Angeklagten Oberst Klein wissen lässt, dass dieser „mit vollem Verständnis“ seines neuen obersten Dienstherren das Massaker befohlen hat – wenn auch „militärisch nicht angemessen“ –, wird Schneiderhan, Wichert und Jung nachfolgen müssen!

    Erschienen in: Friedensjournal, Januar 2010

  4. 4 Tomas Andersson 16. Oktober 2010 um 16:22 Uhr

    39. Vielen Dank für den Kommentar. Ich wusste, ich habe ein zartes Gemüt.

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